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Interview: AVATARIUM
Titel: Meinungsgleichheit

Der verspielt-melodische Doom Metal der Schweden trägt auch auf dem zweiten Album „The Girl With The Raven Mask“ die wunderbare kompositorische Handschrift von Altmeister Leif Edling. Der Bassist, der primär mit seiner Urgruppe Candlemass bereits seit 1984 weitreichende Erfolge feiern konnte, hat derlei wohl dick im Blut.

Edling schrieb für Avatarium unter die Haut gehende Lieder voller poetischer Tiefe, dunkler Spannung und epischer Leidenschaft. Die faszinierend beschwörende Stimme von Jennie-Ann Smith gibt den hochgradig atmosphärisch angelegten Kompositionen den allerletzten Schliff.

Dass sich im progressiven Kosmos des Quintetts auch psychedelisch pulsierende Laufbahnen erstrecken, lässt allerlei gigantische Erhebungsstimmungen entstehen.

Letzteres rührt von der innigen Liebe der Beteiligten zu einer ganz gewissen Dekade des vorherigen Jahrhunderts her, die ab den Endsechzigern prächtig schillernd aufzublühen begann.

Gitarrist Marcus Jidell freut sich trotz seiner daraus resultierenden Abgespanntheit über den erfolgreichen Abschluss der vielfältigen Arbeiten fürs neue Werk.

„Dieses Album hielt uns alle sehr auf Trab, aber die Mühen haben sich absolut gelohnt. Wir sind vollauf zufrieden mit den Songs, letztlich sind wir dem, was uns vorschwebte, sehr nahe gekommen. Nun freuen wir uns schon darauf, den Fans die neuen Stücke auf der anstehenden Tour im November endlich live präsentieren zu können.“

Was für ihn und seine Mitmusiker bei Avatarium einzig so richtig zählt, so fährt der Klampfer fort, ist, Musik zu erzeugen, die von den Machern selbst vollauf geliebt wird.

„Wir sind alle sehr kritische Zeitgenossen, wenn es um unseren Sound geht. Speziell Jennie-Ann, Leif und ich haben diesmal noch härter an den Songs, Arrangements sowie am Klangbild gefeilt. Insgesamt zog sich der Prozess des Songwritings über sechs Monate hin, es war ein ständiges Geben und Nehmen. Wir ließen für ,The Girl With The Raven Mask‘ nichts an Material durchgehen, was uns nicht gänzlich überzeugen konnte. Glücklicherweise haben wir meistens aber ohnehin genau dieselbe Auffassung was musikalisch gut ist und was nicht.“

Aufgenommen wurde der aktuelle Longplayer in der Heimatregion der geschmackvollen Gruppe, im Stockholmer Ghostward Studio in Gröndal. „Dort können wir unsere spezielle Vision in perfekter Weise umsetzen. Sie sind in der Lage, Wissen der guten alten Schule auf älteres Equipment umzulegen und das Ganze mit raffinierten, modernen Techniken homogen zu kombinieren. Genau so entsteht der typisch organische Klang, den wir für unsere Nummern unbedingt haben wollen.“


Da der Gitarrist in den Räumlichkeiten des Ghostward Studios selbst als Produzent fungierte, fiel die Rahmung des Klangbildes für den neuesten Avatarium-Diskus sozusagen auch in optimale Hände.

„Von größter Relevanz war für mich, die Songs in der für sie einzig wahren, unmittelbaren und vollkommen unverfälschten Weise aufzunehmen. Was man auf der Scheibe nun hört, ist also genau das, was wir dort auch einspielten. Mitsamt kleinen Fehlern, seltsam fremden Nebengeräuschen und anderem Zeug eben, das bei einer derartigen Live-Situation in der Studiokabine auftritt. Hätten wir sämtliche Fehler ausgebügelt, würde es sich bestimmt noch irgendwie ein wenig besser anhören. Aber dann auf gewisse Weise auch sehr gleichförmig und computerisiert und letztlich auch relativ rasch langweilend. Uns aber ist ein organischer, schwerer und seelenvoller Klang ungleich wichtiger.“

Denn Avatarium stören sich sehr daran, dass der musikalische Zeitgeist der Gegenwart von digitaler Dominanz und nervend ,steifer‘ Musik geprägt ist, wie der Saitendehner es formuliert. „Selbst im Rock- und Metal-Bereich ist doch allzu vieles so gleichförmig und konturlos geworden. Wir wollen mit unserer Kunst individuell auf diesen Missstand reagieren. Besucht man heutzutage Konzerte, kommt das Meiste dabei doch nur noch vom Band. Ich finde das nur dämlich. Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich bin der Ansicht, dass es da draußen noch immer eine Menge sehr guter Bands gibt. Aber es existieren leider viel zu viele Musiker, die ihr Zeug nur schwerlich ohne unterstützende Backing-Tracks zu spielen imstande sind. Meine Idee dazu: Derlei Acts sollten zumindest die Ticketpreise reduzieren, wenn nicht vollständig live gespielt wird. Frei nach dem Motto: ,Wir treten mit 25 % Backing-Tracks auf, also bekommt ihr euer Ticket auch ein Viertel billiger“, entfährt es ihm mit einem Lachen.



Obwohl Avatarium nicht als Retro-Truppe im eigentlichen Sinne angesehen werden wollen, so versuchen sie dennoch Spirit und Vibe der 60er und 70er Jahre auf breiter Ebene einzufangen, wie Marcus klarstellt.

„Daneben ist es uns wichtig, etwas Neues und Frisches an den Start zu bringen. Für uns ist Musik ein Weg, kreativ zu sein und dabei geistig und klanglich experimentell zu sein. Ich persönlich mag es jedenfalls nicht, etwas schlicht zu reproduzieren, was jemand zuvor schon so gemacht hat. Vielmehr bevorzuge ich, neue Bereiche zu erschließen, die von den alten Meistern beeinflusst sind. Berühmte Größen wie Cream, Beatles, Blue Öyster Cult, Crosby Stills And Nash beispielsweise inspirieren uns sehr neben Acts aus den 70ern wie Rainbow, Led Zeppelin, Mountain, Queen etc.“



Die fesselnde Aura der Kompositionen wird vom weiblichen Gesang massiv genährt.

Schließlich gibt sich Jennie-Ann selbst in kleinsten Facetten vollends hin.

Die Band selbst ließ der fähigen Sängerin erneut absoluten Freiraum bei der stimmlichen Entfaltung.

„Da müssen wir auch gar nichts dreinreden oder mitbestimmen, denn sie selbst kann sich vortrefflich um ihre individuelle Art zu singen kümmern. Ihre einzigartige Darbietung stellt einen markanten Grund dar, dass das neue Album so klingt wie es klingt. Wir bezogen sie umfassend in die Gestaltung der Arrangements, Melodien usw. mit ein, was einen famosen Ideen- und Arbeitsfluss mit sich brachte. Ich erinnere mich noch genau zurück, als ich ihren Gesang erstmalig für ,Moonhorse‘, den Opener unseres selbstbetitelten Debütalbums aufnahm. Das einzige, was ich ihr sagte, war: ,Mach‘ dein eigenes Ding und singe genau so, wie es sich für dich am besten anfühlt. Das hat damals prima funktioniert und nun sogar noch besser für ,The Girl With The Raven Mask‘.“

Als Gastmusiker für das Album wurde erneut der amerikanische Perkussionist und Drummer Michael Blair eingeladen, der hauptsächlich durch sein Mitwirken bei Tom Waits und Lou Reed bekannt wurde. Marcus spart nicht mit Lob für den Mann.

„Ich halte ihn für einen ganz erstaunlichen Musiker und es ist immer eine Freude mit ihm zusammenzuarbeiten. Er zauberte wieder seine ganz eigene Magie dazu und seine Vorliebe für psychedelische Sounds und ähnlichen alten Kram tut das Übrige.“

Er bringt eine Menge Wissen der alten Schule mit, über das heutzutage nicht mehr sehr viele verfügen, wie der Gitarrist es formuliert.

„Michael kombiniert einen großartigen Groove mit einer Art Punk Rock-Attitüde, was perfekt zu Avatarium passt. Darüber hinaus ist er ein hervorragender Geschichtenerzähler und brachte mir wiederholt sehr viel Wertvolles über Aufnahmen, Arrangements und Musikproduktion an sich bei.“

Um den eigenen Sound und das kollektive Feeling in der Band noch mehr zu verdichten, blieben sich die Doom Metaller laut Aussage des Griffbrettschrubbers nur zu gerne selbst treu.

Für „The Girl With The Raven Mask“ wollten sie die Reiseroute intuitiv fortführen, die mit dem Debütalbum und der 2013 veröffentlichten „All I Want“-EP ihren Lauf nahm.

„Wir spielten viele Shows, Festivals und tourten als Special-Guest mit Amorphis. Dies vor allem ließ uns als Formation immer enger zusammenwachsen und ich bin der Meinung, dass man diesen guten Umstand auf dem neuen Album deutlich hören kann.“

© Markus Eck, 08.10.2015

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