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Interview: AVATARIUM
Titel: Gekonnter Umgang mit der Dunkelheit

Man konnte als tiefgründig interessierter Hörer beim Rezipieren des 2015er Albums The „Girl With The Raven Mask“ bereits erahnen, dass es die schwedische Band fürderhin eher noch weiter in die Vergangenheit ziehen wird. Und Avatarium erfüllen derlei stilistische Erwartungen nun mit dem dritten Langspieler „Hurricanes And Halos“.

Geboten wird wieder der für die Formation typische, ganz spezielle Vintage Doom Metal, faszinierend theatralisch und episch-visionär in Szene gesetzt. Nicht nur das stimmungsvolle, organisch wabernde und oft gespenstische Orgelspiel von Rickard Nielsson erinnert massiv an die großartige (Occult) Rock-Ära der 70er Jahre.

Auch Vokalistin Jennie-Ann Smith zelebriert mit bluesig-nostalgischer Hingabe die reinste Psychedelic-Zeitreise.

„Was den gezogenen Uriah Heep-Vergleich angeht, so wollten wir in der Tat eine Menge an derartigem Orgelsound auf der Platte haben. Unser Tastenmann Rickard Nilsson war glücklicherweise genau derselben Ansicht für ‚Hurricanes And Halos‘ und spielte echt tolle Parts ein. Ich liebte die Grundidee von einer Gitarre und einer Orgel schon immer, die mit ihrem Zusammenspiel ein großes und schweres Klangbild erzeugen. Ich fühle mich glücklich und stolz, wenn ich daran denke, was für das Album auf die Beine gestellt haben“, verkündet Gitarrist Marcus Jidell.

So hofft er primär, wie er sagt, dass die Leute die neue Avatarium-Scheibe ebenso lieben werden wie die Band selbst es tut.

„Wünschenswert ist auch, dass wir so viel wie möglich touren und liven spielen können werden, denn die Stücke entfalten sich eigentlich noch viel besser auf der Bühne. Alle von uns sind eifrig darauf bedacht, rauszufahren und die Fans zu treffen, die Reaktionen auf die neuen Lieder zu erfahren. Da wir mittlerweile drei Alben am Start haben, können wir auch mit einer großartig zusammengestellten Setlist aufwarten.“


Für ihn ist es dabei das Allerwichtigste überhaupt, so Marcus, sich in Avatarium selbst ausdrücken zu können.

„Es ist etwas sehr Schönes, so denke ich, bei der Musik mit dieser Band immer wieder neue Gedanken und Gefühle in mir zu erfahren beziehungsweise zu erleben. Auch finde ich es umwerfend, damit ständig neue Klänge entdecken zu dürfen. Philosophische Gedankengänge sind manchmal leichter mittels Musik und Klängen herzustellen. Ich bin sehr daran interessiert, die verschiedenen Seiten des menschlichen Geistes herauszufinden, vordergründig die dunklen und hellen Aspekte. Wir alle tragen schließlich eine gewisse Dunkelheit in uns … aber es geht doch darum, wie man letztlich damit zurechtkommt und was man daraus macht.“


Aufgenommen wurde auch das aktuelle Album im Ghostward Studio in Gröndal, Stockholm, von David Castillo. Und dass der kultige Gesamtklang von „Hurricanes And Halos“ letztlich zu dem wurde, was jetzt zu hören ist, liegt neben viel aufwändiger Studioarbeit auch an der Formation selbst, in diesem Punkt ist sich der Axeman ganz sicher.


„Ich wollte diesmal einen betont organischen Sound für die Songs haben, wofür wir auch einiges an Aufwand betrieben haben. Wenn ich so darüber sinniere, haben wir als Band sogar den größten Anteil am aktuellen Klangbild. Lars Sköld spielte besser Schlagzeug als je zuvor, und das Bassspiel von Mats Rydström geriet ihm gar wie das des jungen John Paul Jones von Led Zeppelin! Mats ist einfach der Typ Musiker, der einem Song noch mehr Leben einhauchen kann und der eine gute Nummer noch besser machen kann. Wir arbeiteten mit zwei Leslies plus einem großen Marshall Stack, mit dem wir Rickards Instrument aufgerüstet haben, um einen wirklich großen und schweren Orgelsound hinzukriegen. Ich selbst fand einige neue, coole Tricks heraus, mit denen ich meine Klampfe noch lauter, rauer und heavier machen kann. Jennie-Ann hingegen kann einfach alles singen, und es klingt immer wie Gold. Sie ist eine der größten Vokalistinnen, die ich überhaupt kenne.“



Mit Jennie-Ann zu arbeiten, gestaltet sich sehr einfach, freut sich Marcus, weil sie völlig genau weiß, wie es zu laufen hat, damit sie gesanglich so richtig in Fahrt kommt.

„Sie kultiviert stets ihre individuelle Vision davon, wie sie die Lyrics stimmlich zu interpretieren und zu portraitieren hat. Sie trägt ein fantastisches Gefühl für Musik in sich und ist möglicherweise sogar die beste Musikerin bei uns überhaupt. Mit ihrer facettenreichen Stimme addiert sie den speziellen ‚jazzy und bluesy touch’ zu unseren Nummern, der aus Avatarium das macht, was es ist.“

Den Kern der neuen Veröffentlichung beschreibt der Mann somit als kraftvoll, energisch, emotional, heavy, dunkel und poetisch gleichermaßen.


Reglerdreher David ist zwar an sich ein versierter Tontechniker, wie Marcus ergänzt, aber produziert hat er selbst.

„Beim Aufbereiten und Optimieren des aufgenommenen Materials bin ich sozusagen der Kapitän des Schiffes. Denn ich habe eine ganz klare Vision davon, wie das Album zu klingen hat, um aus den Kompositionen das Maximum herauszuholen. Ein tolles Studio mit einem sehr fähigen Techniker wie David zu haben, macht natürlich sicherlich vieles einfacher. Aber am Ende des Tages dreht sich alles nur um die Songs und die Performance der Gruppe. Ich bin der Ansicht, dass organische Sounds 2017 das Ding der Stunde sind! Man erlebt ja derzeit immer noch mehr Bands, die die Wichtigkeit der menschlichen Komponente im Aufnahmeprozess verstehen, und denen dies viel wichtiger ist eine ständige Veränderung der Details für umfassende ‚Perfektion‘. Bei Musik geht es selbstverständlich nicht darum, die Dinge einfach nur stupide zu wiederholen, sondern von den eigenen, guten Ideen so richtig begeistert zu sein. Und eben darum, die allerbesten der Ideen in die eigene, künstlerische Zeit zu holen und ihnen einen ganz persönlichen Eigengeschmack zu verleihen.“


Als prägende Einflüsse für die neue Platte von Avatarium nennt der Gitarrist abermalig berühmte Giganten wie Mountain und Rainbow neben Black Sabbath, Blue Öystercult und erwähnte Led Zeppelin.

„Auch Crosby, Stills & Nash müssen erwähnt werden. Hört man sich die ganzen alten Scheiben an, und weiß um die Aufnahme- und Produktionstechniken ihrer Tage, dann versteht man umso mehr und besser, wie extrem befähigt sie damals allesamt als Musiker waren. Und exakt dies ist es, was mich nach wie vor eigentlich am meisten begeistert und inspiriert. Daher versuchen wir mit Avatarium ebenfalls, alles live im Studio einzuspielen und dabei in Bestform zu sein. Am das am besten auch noch in einem einzige Take, um das individuelle Feeling nicht zu verlieren, dass man in einem Song unverbraucht in sich selbst aufbaut. Es ist dabei eigentlich wie mit klassischer Musik auf der Bühne - man muss unbedingt in großartiger Verfassung sein, um die Kompositionen makellos spielen zu können, um gänzlich gefühl- und seelenvoll sein zu können. Es sind eben die kleinen Unterschiede, die es ausmachen.“

© Markus Eck, 05.05.2017

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