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Interview: DRACONIAN
Titel: Bewusster Brückenschlag

„Dunkel, grüblerisch und universell“, so stempelt Gitarrist Johan Ericsson die Essenz des neuen Albums kurz und bündig mit eigenen Worten. Tatsächlich macht „Sovran“ die marternde Wartezeit beinahe im Nu vergessen. Alte Paradise Lost zu ihren eindringlichsten und melodischsten Zeiten lassen herzlich gruftig grüßen. Kenner wissen Bescheid.

Vier Jahre hatten sich die Fans auf dieses neue Opus zu gedulden, nachdem die Gothic Doom Metal-Spitzenkönner 2011 mit „A Rose For The Apocalypse“ für allerlei düster-schwelgerische Verzückung sorgten.

So einiges hat sich seitdem bei der schwedischen Formation getan, die 1994 in Säffle gegründet wurde.

Den markantesten Fakt stellt sicherlich der Weggang der ehemaligen, langjährigen Sängerin Lisa Johansson dar, welche Draconian nach „A Rose For The Apocalypse“ den zarten Rücken kehrte.

Da Johansson als Stimme und weibliche Galionsfigur von Anfang an einen Fixpunkt im Universum des Ensembles darstellte, sollte es den Verbleibenden alles andere als leicht fallen, einen würdigen Ersatz aufzutun.

Wie Maincomposer Ericson erzählt, entstand die für die Band doch ungewöhnliche lange Albumpause nämlich direkt mit dem Ausscheiden von Lisa, die bei Draconian von 2002 bis 2011 auf ganzen fünf Langspielern vokalisierte.

„Es gestaltete sich beileibe nicht einfach, einen würdigen Ersatz für Lisa zu finden. Wir respektierten ihre Entscheidung vollauf. Sie bekam ein ersehntes Baby und ihre eigene Firma nahm zudem zeitgleich konkretere Formen an. Sie ließ uns damals unmissverständlich wissen, dass sie sich künftig neben ihrer beruflichen Ausrichtung hauptsächlich um ihr Privatleben kümmern möchte. Sie teilte uns im Zuge dessen auch noch mit, was mithin das Wichtigste für uns war, dass ihr Herz nicht mehr bei Draconian war.“


Nachfolgend fanden diverse Online-Sessions mit Bewerberinnen für den vakanten Vokalposten statt, erinnert sich Johan.

„Wir gingen mit der Neuigkeit der Suche nach einem Ersatz direkt ins Netz. Nach Lisas Ausstieg bewarben sich daher viele sehr gute Sängerinnen bei uns. Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis wir endlich das definitiv Passende fanden. Nur bei Heike Langhans waren wir uns allesamt schlagartig sicher und einig, dass sie mit ihrer markanten Stimme und ihrer sonstigen Präsenz die Richtige für uns ist. Sie wiederum war glücklicherweise auch vollauf entschlossen um diese wichtige Position bei Draconian einzunehmen. So verkaufte sie beispielsweise ihr Auto um von Südafrika nach Schweden zu gelangen und um tiefer und ausführlicher mit uns zusammenzukommen. Dies bestätigte unsere positive Vorahnung nur. Gesanglich weist sie sehr viel mehr Feinsinn und Gefühl auf als ihre Mitbewerberinnen, was letztlich für uns der Schlüssel zu ihr war. Die folgenden zwei Jahre brachten dann sehr viele Mühen mit, um ein Visum für ihren dauerhaften Aufenthalt in Schweden zu bekommen.“

In der Tat, die multipel betörende Darbietung der neuen Dame am Gesangsmikro könnte besser nicht zu den Stücken auf ,Sovran‘ passen. Derartig umfassende Hingabe und derlei sensibles Einfühlungsvermögen in allen Facetten ist dabei auch unbedingt vonnöten, wie der Gitarrist eindeutig zustimmt.

„Die ganzen Emotionen, die Heike in solchermaßen die Songs einbringt, sind für sie selbst einfach völlig natürlich. Da ist keinerlei Inszenierung im Spiel. Sie singt stets so wie sie es fühlt, zu jeder Sekunde. Das macht ihren unverfälschten Gesang so wunderbar für uns. Die Zusammenarbeit mit ihr hat vom ersten Tag an wirklich sehr gut geklappt. Sie kommt immer mit einer Menge an guten Ideen an und ist an jedem Aspekt einer Komposition interessiert. Obwohl ich ein wenig umzudenken hatte, als ich die Parts für sie schrieb, wenn ich es mit der Arbeit mit Lisa vergleiche. Aber es fühlte sich herrlich frisch und aufregend an, diese neue Stimme in der Band zu haben und vor allem auch mit ihr zu spielen.“

Als das Songwriting und die Studioarbeiten abgeschlossen waren, fiel dem Mann ein riesengroßer Stein vom Herzen, wie er ungeniert offen bekennt.

„Es fühlt sich sogar noch immer so an. Wir sind sehr stolz auf das neue Material und sind der Ansicht, dass es das lange Warten wert ist. Diese Pause hatte sozusagen einen Vorteil für die Songs. Denn so entstand alles auf ganz natürliche Weise, völlig ohne Zeitdruck. Wir ließen die Nummern stetig anwachsen und ausreifen, was eine Fülle an neuen und interessanten Erfahrungen mit sich brachte. Großartig, dass nun alles wieder so richtig nach vorne gehen kann!“


Apropos, auf gewisse Weise stellt „Sovran“ gleichzeitig eine Rückbesinnung auf die Anfänge von Draconian dar, so Mr. Ericson. „Wir gehen mit der Scheibe partiell einen Schritt zurück in Richtung unserer musikalischen Wurzeln und zum Klangbild früherer Tage. Dennoch blicken wir bewusst nach vorne. Die neuen Stücke schrieb ich ziemlich genau auf die Art und Weise, wie ich es früher für die Band tat. Allerdings ging ich natürlich mit meinem geschulten Strukturwissen der heutigen Zeit vor. Der Grundton des Albums ist zudem ein wenig dunkler als auf den vorherigen Platten, wie ich finde. Der Löwenanteil des Albums ging mir anfangs noch relativ schnell von der Hand. Mit einen Songs hatte ich dann aber für eine Weile zu kämpfen, bis auch diese schließlich gemeistert wurden. Alles in allem war ich schon einige Monate mit der eigentlichen Basis des Songwritings beschäftigt.“

Der nachfolgende Dialog widmet sich der beeindruckenden Authentizität der Lieder von „Sovran“, die selbst in den tragischsten und sehnsüchtigsten Sequenzen berühren kann.

Haben Draconian nun also das perfekte Line-Up am Start, Johan?

„Ja, die aktuelle Besetzung ist ganz eindeutig die stärkste, die wir je hatten. Echtheit ist für mich von außerordentlicher Wichtigkeit. Ich bin der Auffassung, dass das neue Werk rundum Echtheit offenbaren kann. Als einen eindeutigen persönlichen Indikator für die authentische Güte von ,Sovran‘ werte ich den Fakt, dass ich mir die Nummern selbst sehr gerne anhöre, was ich so normalerweise überhaupt nicht mache. Ich schätze also stark, dass wir auf jeden Fall einen Schritt in die richtige Richtung machen damit“, gibt der Saitengreifer und Komponist von seinem Lachen begleitet zu Protokoll.


Solcherlei Aussagen darf man gerne Glauben schenken. Schließlich ist Ericson ein außerordentlich vielseitiger Musikus und tiefgründiger Songwriter. So hockte er sich von 1994 bis 1999 für die schwedischen Schwerenöter auf den Drumschemel, während er seit 2002 bis heute die Klampfe für Draconian bedient.

Die Augen des Blonden fangen geheimnisvoll an zu strahlen, als schließlich die Frage im Raum steht, was für ihn das Allergrößte an der Musik überhaupt darstellt.

„Es dreht sich für mich insbesondere darum, dass, was ich tief in mir fühle, möglichst direkt und unmittelbar in die Songs zu transformieren. Das ist für mich immer das Wichtigste. Ich möchte meine Empfindungen gewissermaßen dabei kanalisieren. Also, das aus mir rauslassen, was hinaus drängt.“ 



Da der Gitarrist die Songs für Draconian schreibt, kann er diesbezüglich aber nur für sich sprechen und nicht für Growl-Sänger Anders Jacobsson, welcher wiederum für die Texte der Lieder zuständig ist. Johan hierzu weiter:

„Anders hat für gewöhnlich eine ganz spezielle und individuelle Art von Vision im Kopf, was die Inhalte der jeweiligen Lyriken anbelangt, soweit ich weiß. Heike brachte sich übrigens diesmal natürlich auch tatkräftig in die neuen Texte mit ein.“

Und der eigenwillige Anders hatte auch die Idee zum Titel der neuen Veröffentlichung. „Es ist die alte Schreibweise von ,Souverän‘. Bei uns steht der Begriff sinnbildlich dafür, dass wir Menschen am besten unser eigener Herrscher oder König sein sollten.“

© Markus Eck, 12.10.2015

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