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Interview: GRAVEWORM
Titel: Stabiles Entertainment

Die vorherrschend düstermetallische Langeweile des Jahres 2011 mischten sie mit mörderischer Inbrunst auf: „Fragments Of Death“, das achte Album, zeigte die Geschicke der Südtiroler in unverbrauchter Intensität.

1992 ins dunkle Leben gerufen, ist die Formation noch immer mit vollem Einsatz dabei. So rumpeln die langjährigen Dark Metal-Aktivisten um Shouter Stefano Fiori jetzt wieder entschlossen an die Veröffentlichungsfront zurück.

Mit nach vorne ins Genregetümmel hieven Graveworm ihren neuesten Langspieler „Ascending Hate“. Und wie das klangstarke Fünferpack aus Bruneck damit offenbart, stimmen Attitüde, Hingabe und Können bei ihnen noch immer vollauf.

Und dass Hauptsongwriter Stefan ,Steve‘ Unterpertinger sich nach gut einer Dekade Absenz wieder im Line-Up einfand, kommt den Kompositionen erklecklich zugute.

„Wir sind einfach selbst riesengroße Musikfans und wir lieben es einfach auf der Bühne zu stehen. Wir sehen das Ganze immer noch als Hobby. Eine zwar sehr zeitaufwendige Passion, aber das ist uns egal. Die Konzerte, die Reisen um die Welt und die Fans, mit denen man sich vor Ort unterhält oder auch mal ein paar Bierchen trinkt, sind uns dabei am wichtigsten. Und all dies möchte ich definitiv nicht so schnell vermissen müssen. [lacht] Also wird es uns doch noch eine Zeitlang geben“, kommentiert Frontmann Fiori die Frage, was für ihn auch gegenwärtig noch immer den stärksten Antriebsfaktor bei Graveworm darstellt.

Die Band meldet sich heuer weitgehend in Originalbesetzung zurück. Es scheint dort auf zwischenmenschlicher und künstlerischer Ebene bis dato also prima zu klappen? „Definitiv. Steve ist wieder zurück und zur Zeit macht es uns richtig großen Spaß. Wir haben aktuell zwar keine Keyboarderin mit an Board, aber es läuft trotzdem alles wie geschmiert. Wir verstehen uns allesamt bestens miteinander. Schließlich kennen wir uns ja mittlerweile schon ewig und jeder weiß wie die anderen so ticken. Somit kann man auch mal eine Meinungsverschiedenheit umgehen … und wenn es hin und wieder trotzdem ein bisschen lauter wird, was ja auch bei den besten Familien vorkommen kann, dann gibt es nachher einfach mal ein Bier oder einen Jägermeister und die Sache ist dann schnell vom Tisch.“

Ganze vier Jahre Albumpause erscheinen im Metier ziemlich lange in der heutigen Zeit. Wollten oder mussten die unbeirrbaren Grabwurmpaten sich diese Zeit lassen fürs neue Werk, fragt man sich. Stefanos Antwort kommt nach kurzer Überlegung.

„Wir sind ja ohnehin nicht die weltschnellsten Songwriter und hatten bislang immer so um die zwei Jahre Abstand zwischen unseren Alben. Nach ,Fragments Of Death‘ hatten wir doch einige Shows zu spielen. Wir waren sogar in China und Taiwan unterwegs. Und unser damaliger Songwriter Thomas ist aus der Band ausgestiegen, um sich voll und ganz auf seine Gitarrenbaufirma zu konzentrieren, was wir auch voll und ganz verstanden haben. So kam eines nach dem anderen und die Zeit verging doch ein wenig zu schnell.“ 



Als dann Steve wieder in der Truppe war, haben sie sich sogleich dem Komponieren gewidmet, so der Brüllbolide. „Dennoch haben wir uns aber letztlich ein wenig zu lange Zeit gelassen. Als wir dann nach dem Sommer ins Studio wollten, hat sich leider unser Drummer Martin Innerbichler krank gemeldet. Und so musste der Studiotermin erneut verschoben werden. Jetzt endlich haben wir es geschafft. Und doch bin ich sehr froh für die lange erzwungene Pause, da wir doch nochmals ordentlich an den Songs gefeilt haben bis jeder einverstanden war. Und das merkt man den neuen Nummern auch definitiv an, wie ich finde.“

Der Anmerkung, dass die stilistische Mixtur der neuen Platte als Graveworm in reinster Form benannt werden kann, entspricht der Vokalist vollauf.

„Sehr typisch und sogar ein wenig back to the roots. Man merkt in den Songs ganz einfach, dass Steve wieder back on board bei uns ist und dass er für einen Großteil des Songwritings verantwortlich ist. Steve hat seinen ureigenen Stil, der uns schon von Anfang an geprägt hat und das hört man definitiv.“

Was genau erwartet die geneigten Hörer auf musikalischer Ebene laut Stefanos ganz persönlicher Einschätzung auf der „Neuen“?

„Etwas typisch Graveworm-mäßiges … im Ernst, eine Mischung aus Härte und Melodien. Das Keyboard ist nach dem Ausstieg von Sabine zwar in den Hintergrund getreten, aber dafür gibt es bei uns jetzt wieder doppelstimmige Gitarrenriffs, so wie wir sie schon Anfang an hatten und die unseren Sound geprägt haben. Ich denke mal, dass Fans der ersten Stunde nun voll auf ihre Kosten kommen werden, sowie auch Fans der letzten Alben.“

Die allergrößte Stärken der aktuellen Kompositionen erachtet der Sänger in der Mischung zwischen alten und neuen Sachen, wie er informiert. „Die Melodien bekämpfen sich mit der Härte und daraus ist halt unser Sound entstanden … ich finde es gut, dass jeder in der Band verschiedene Lieblingsbands hat von denen man dann auch indirekt beeinflusst wird. Man hört auf dem neuen Werk ab und an schon mal eine unserer Lieblingsbands durch. So gibt es einige Stellen, die mich an Hypocrisy erinnern. Oder ein Kataklysm-Riff könnte schon auch mal dabei sein.“

Steve ist für den größten Teil der Arbeit auf dem neuen Album verantwortlich, so der Mann. „Aber auch Eric und Flo haben ihre jeweiligen Anteile dazu beigetragen. Und man kennt es sofort, ob ein Song von Steve geschrieben wurde. Er hat seinen unerkenntlichen Stil und ich finde das extrem gut.“

Das gesamte Songwriting hat dieses Mal echt lange gedauert, wie herauszukriegen ist. „Als wir angefangen haben, wussten wir nicht in welche Richtung es uns treiben würde. Und so wurde einfach drauflos geschrieben und an den Songs gearbeitet. Bei uns ist es meistens so, dass jemand einen so gut wie fertigen Song, ohne Lyrics, mit in den Proberaum nimmt. Dort wird der Song analysiert und darüber gesprochen sowie eventuell damit experimentiert. Dies geschieht so lange bis wir alle einverstanden sind. Und bei fünf komplett verschiedenen Köpfen kann das manchmal schon recht lange dauern und auch mühsam sein. Nichtsdestotrotz denken wir, dass das für uns der ideale Weg zum Arbeiten ist.“

Genanntes Vorgehen ist auch gut so, wie der Vokalist konstatiert. „Denn ich denke, nur so können wir das Beste draus machen. Jeder von uns ist selbst Musikfan und wir denken auch alle so. Wir schreiben keine Lieder, um berühmt oder reich zu werden. Uns muss der Song einfach gefallen und Spaß machen, eben als Musikfan. Der Rest ergibt sich dann wie von selbst.“

Nennenswerte Höhen oder Tiefen beim Songwriting gab es im Zuge des Entstehungsprozesses zum neuen Materials eigentlich keine, wie der Kerl bekundet.

„Manchmal geht es einfach schnell vor sich und jeder hat dieselbe Meinung. Und manchmal liegt man komplett auseinander. Da wird dann schon mal heftig diskutiert, was aber meist darin endet, dass schließlich doch noch alle zufrieden sind und wir uns so nachher was Ordentliches zum Trinken gönnen.“

Hinsichtlich des Albumtitels „Ascending Hate“ geht es den Urhebern lyrisch um die Geschehnisse die zurzeit auf unserem Planeten stattfinden. Stefano expliziert:

„Krieg, Missstände, Massenmorde. Und der Hass scheint definitiv stetig zu steigen. Es kann doch nicht sein, dass die Gesellschaft dabei noch nur relativ tatenlos zuschaut ohne etwas dagegen zu unternehmen. Irgendwann wird es wohl zu spät sein.“

Nun, die Evolution hat auch hinsichtlich des Homo Sapiens im wahrsten Sinne des Wortes alle Zeit der Welt. Und sie putzt bekanntlich gnadenlos das weg, was sich gegen sie stellt. Zurück zu Graveworm: Wenn man den Fernseher einschaltet oder einfach mal eine Zeitung durchblättert, sagt Stefano, ist alles voll von unmenschlichen Dingen, wie Krieg, Mord, Verbrennungen.

„Es kann doch wirklich nicht wahr sein, dass die Menschheit so blöd ist und gar nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Im Gegenteil, wir wiederholen alles und setzen sogar immer wieder noch einen drauf. So geht es zum Beispiel im Song ,Downfall Of Heaven‘ um die einfache Frage, ob wir uns nicht schon auf dem besten Weg zum Ende befinden. Denn die Anzeichen häufen sich doch und wir zeigen nicht den geringsten Anstand was dagegen zu tun. ,To The Empire Of Madness‘ handelt ebenfalls um den jetzigen Zustand, indem es den Anschein hat, dass die Verrückten die Welt beherrschen. Herausstechen tut in diesem lyrischen Erguss nur der Song ,Nocturnal Hymns Part II‘, bei dem es voll und ganz um Fantasy-Sachen geht. Dies passt definitiv besser zu dem Song, der es auch ganz leicht auf eine unseren älteren Scheiben geschafft hätte. Ich persönlich sehe ,Nocturnal Hymns Part II‘ als Geschenk an alle Fans der ersten Stunde an.“

Was den verbleibenden Rest von 2015 anbelangt, so verkündet der Graveworm-Frontmann noch: „Wir warten jetzt mal auf den Release des neuen Albums und sind schon gespannt auf die Reaktionen darauf. Dann gibt es mal wieder ein paar Live-Highlights: Wir werden Südamerika unsicher machen und arbeiten gerade auch an ein paar Asien-Dates … und dann werden wir sehen was uns die Zukunft bringen wird.“

© Markus Eck, 02.06.2015

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