Top
Interview: NACHTGESCHREI
Titel: In allerbester Stimmung

2013 wurde ihr vorhergehendes Album „Aus schwärzester Nacht“ veröffentlicht. Seither hat sich umfassend viel getan bei den rundum anspruchsvollen Frankfurter Mittelalter Rockern.

Nun kehrt die auch Genre-übergreifend beliebte Formation endlich zurück. Mit dabei haben Nachtgeschrei das neueste Langspielwerk.

„Staub und Schatten“ betitelt, präsentiert der Dreher seine Urheber von der bislang reifsten Seite. Sänger Martin LeMar, der auf dem Vorgänger seinen Einstand feierte, hat sich dort mittlerweile ebenso prächtig eingelebt wie wunderbar eingesungen.

„Alleine diese Frage lässt sich schon im Umfang eines Buches beantworten“, kontert Drummer Stefan auf die Erörterung hin, ob sich seine Band die nötige Zeit für den neuen Langspieler „Staub und Schatten“ genommen hat.

„Während man an einer Platte arbeitet, ist das der absolute Fokus und man verwendet eine Menge Zeit und Energie darauf. Andere Dinge laufen beinahe ein wenig nebenher, aber sie laufen. Egal, wie intensiv wir uns mit dem aktuell entstehenden Album beschäftigt haben: Es kommt im Nachhinein immer der Punkt, an dem uns noch Ecken und Kanten auffallen, die noch etwas Schliff vertragen hätten. Nicht, um es grundlegend besser zu machen, sondern feiner. Anders. Eben der kreative Entstehungs- und Reifeprozess. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem man einen Strich ziehen muss, sonst würden wir vielleicht sogar immer noch am ersten Album feilen. Wie früher, in der Schule. Nach 90 Minuten war Abgabe ... ob man noch zwölf Seiten hätte schreiben können oder nicht.“

Ich erkundige mich, was bis zum Abschluss des aktuellen Kompositionsprozesses denn so alles los war im Band-Lager von Nachtgeschrei. Wurde primär fürs neue Album komponiert? „Nein, alle andern Belange rund um die Band liefen natürlich weiter. Wir waren viel unterwegs, haben eine kleine eigene Clubtour gespielt, waren auf einigen sehr schönen Festivals wie z.B. Wacken Open Air, RockHarz Festival, WGT und noch vielen mehr und haben die Kollegen von Fiddler‘s Green auf ihrer Tour begleitet. Nicht zuletzt stand auch noch ein Labelwechsel an: Mittlerweile sind wir bei den Hannoveranern SPV unter Vertrag“, lässt Gitarrist Tilman wissen.

Mit Laui kam sogar eine neue Musikantin in die Band, zuständig für Drehleier, Flöten und Backgroundvocals. Tilman erläutert: „Da Joe Nachtgeschrei verlassen hat, um nach Neuseeland auszuwandern, haben wir uns auf die Suche nach einer Nachfolge gemacht. Erstaunlicherweise ging das Ganze dann ziemlich schnell. Wir hatten einen kleinen ausgesuchten Kreis von Bewerbern mit denen wir gearbeitet haben. Als Laui dann auf der Bildfläche erschien, war die Sache aber sofort klar. Sie hat uns innerhalb kürzester Zeit persönlich und musikalisch so überzeugt, dass die Entscheidung sofort gefallen war. Es hätte uns also nicht besser treffen können.“

Dudelsacker Nik freut sich mit seinem Kollegen:

„Unglaublich – Laui ergänzt uns mit einer Riesenportion Talent und Kreativität, wahnsinnig viel Herzblut und einer Extraladung guter Energie. Mit ihr war von Anfang an klar, dass sie zur Familie gehört. Laui ist kein Ersatz – sie gehört 100 % zu Nachtgeschrei. Jetzt sind wir wahnsinnig optimistisch und gespannt auf alles was, da kommen mag.“

Und dann kommt sie auch gleich selbst zu Wort! Laui:

„'Staub und Schatten' ist ein sehr stimmungsvolles Album mit viel textlichem Tiefgang. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, von gerade heraus bis verletzlich introvertiert. Ich denke man kann sich sehr gut in die Situationen und Geschichten hineinversetzen, die in den neuen Liedern beschrieben werden. Des Weiteren haben wir uns auf dem Album an orchestralen Einflüssen bedient. Von daher sind diese Stücke sehr gewaltig und auch musikalisch sehr gehaltvoll. Es gibt viel zu entdecken, so dass es sich lohnt das Album wieder und wieder zu hören um die verschiedenen Ebenen zu ,erhören‘.“

Laui, gibt es auf „Staub und Schatten“ nennenswerte (musikalische) Unterschiede zum 2013er Albumvorgänger zu hören?

„Jedes Album ist ein Zeitabschnitt und klingt daher auch etwas anders. ,Aus schwärzester Nacht‘ beschrieb, wie der Name schon sagt, den Aufstieg aus einer dunklen Zeit hin zu neuen hoffnungsvollen Zeiten. Es ist ein sehr lautes und zur Gänze live spielbares Album, zudem eine CD die das Publikum sehr direkt anspricht und viel Abwechslung hat. ,Staub und Schatten‘ kommt auf den ersten Blick vielleicht etwas introvertierter daher. Wir sind eingespielter in der Formation, die Lieder sind filigraner und auch die Stimmung ist eher geerdet, wenn auch hier der Aufbruch immer noch deutlich spürbar ist. Schließlich wollen wir nicht still stehen. Die Orchestereinflüsse machen das ganze 'gewaltiger' und verschaffen eine Epos- artige Stimmung. Trotzdem darf die Party natürlich auch hier nicht zu kurz kommen. Am Ende bleibt alles 100 Prozent Nachtgeschrei, 100 Prozent echt, 100 Prozent wir.“

Die neuen Stücke gehen ja diesmal außerordentlich flüssig ins Ohr. Nik hierzu: „Na, hoffentlich doch immer. Allem Mittelalter zu Trotz: Wir wollten noch nie die Märchenonkel sein. Bei uns geht es um immer auch um unser eigenes Empfinden und Erleben – da passen Geschichten von Drachentötern und Prinzessinnen nicht rein. Ich glaube auch nur so kann man erreichen, dass die eigenen Lieder beim Hörer eine Seelen-Saite anschlagen. Unsere Fans sind ja nicht blöd: Die merken es durchaus, ob man es ehrlich mit ihnen meint. Falls sich das dann auch noch in griffigen Liedern und eingängigen Melodien widerspiegelt, macht es uns natürlich ganz besonders glücklich. Wenn man mit den Ideen für neue Songs schwanger geht, fehlt schnell jede Distanz – natürlich wünschen wir uns, dass unsere neuen Stücke ihr Publikum erreichen und berühren, aber man sollte sich da nie zu sicher sein. Von daher: Ein größeres Lob wie das, ,echte‘ Stücke zu ,echten‘ Themen zu machen, gibt es für uns gar nicht. Vielen, vielen Dank!“

Da „Staub und Schatten“ die zweite Platte mit Martin ist, konnten die Beteiligten wieder in die Tiefe gehen und sich mit seiner etablierten Stimme nun andere Facetten aussuchen, in denen sie kleine Gimmicks verstecken, gibt Drummer Stefan Kolb zu Protokoll. Mehr:

„Am meisten freue ich mich immer wieder über das eindeutige Wasserzeichen. Ich empfinde den abgedeckten Stil mittlerweile noch etwas breiter, ohne dabei auf unseren Charakter zu verzichten. Es sind Songs auf der neuen Scheibe, die in früheren Kontexten nicht funktioniert hätten, ja gar nicht erst entstanden wären. Jetzt passen sie wie die Faust aufs Auge und werden live unser Publikum animieren, das Tanzbein zu schwingen. Die wirkliche Stärke sehe ich darin, dass wir es in meinen Augen geschafft haben, wieder die obligatorische Schippe drauf zu legen. Nach der Fertigstellung jedes bisherigen Albums waren wir stolz wie Bolle und haben uns, nachdem wir den Schweiß von der Stirn gewischt haben, auch schon mit hochgezogener Augenbraue nach vorne gesehen: ,Das nächste Mal noch intensiver ausarbeiten? Mehr ins Detail? Besser vorbereitet? Verdammt, das wird ein echter Klotz.‘ Und für unsere Belange haben wir es noch jedes Mal, und ganz bestimmt bei ,Staub und Schatten‘, geschafft.“

Auch „Staub und Schatten“ entstand laut Aussage von Nik wieder im bewährten Nachtgeschrei-Kollektiv.

„Allerdings hat diesmal Martin eine noch wesentlichere Rolle gespielt als auf dem Vorgänger. Viele der Songs und Texte atmen seinen Spirit – das hat die Platte nochmal erheblich angeschoben und uns richtig Dampf gemacht.“

„Staub und Schatten“ ist ein Zitat des antiken Dichters Horaz und gleichzeitig eine Allegorie auf das menschliche Leben, wie der Sackpfeifer dann noch hinsichtlich der Bedeutung des Albumtitels zu berichten weiß. 


„Es geht um Vergänglichkeit und Unvergängliches, über das was bleibt, was man verliert und was nicht wiederkehrt. Das klingt jetzt furchtbar nihilistisch, aber für uns als Musiker sind diese Themen natürlich auch sehr naheliegend: Was bleibt von einem Lied, wenn alle Töne verklingen? Wenn alles Staub wird, wollen wir einen Schatten werfen, an den man sich erinnert. Im dem Titelsong ,Staub und Schatten‘ geht es darüber hinaus um Brot und Spiele – viele werden das Zitat ja auch eher aus dem Film ,Gladiator‘ als aus dem Lateinunterricht kennen. Noch heute gieren wir nach immer neuen Attraktionen - wer da nicht mithalten kann, wird der Meute vorgeworfen. Und wir, die wir ja auch irgendwie in die Arena treten, haben noch ein Lied lang Galgenfrist – ein Lied ist nicht viel, kann aber großes bewirken.“

Danach befragt, um welche lyrischen Inhalte sich die neuen Nachtgeschrei-Lieder primär drehen, lässt Nik wissen: „Das ist ganz unterschiedlich – wir haben ja nicht nur einen Texter und nicht nur eine Inspiration. Eines ist uns aber bei all dem wichtig: Egal ob es um Zwischenmenschliches geht, um ewige Themen wie Liebe, Hass oder Vergänglichkeit, ob um Abhängigkeiten oder Sehnsüchte – wir würden uns wünschen, dass sich unsere Fans, Freunde und Hörer darin wiederfinden. Musik macht man nicht fürs stille Kämmerlein, sondern weil man etwas ausdrücken will. Wir sind selbst auf einer langen und spannenden Entdeckungsreise – und genau deswegen unglaublich froh um jeden, der unseren Weg ein Stück mit uns geht. Wenn wir ein Lied namens ,Monster‘ schreiben, dann kann diese Kreatur nur leben weil die Fans uns ihre Energie geben. Das ist ein wunderbares und großes Geschenk.“

© Markus Eck, 18.07.2015

[ zur Übersicht ]

Advertising

+++

+++


+++

+++