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Interview: ROTTING CHRIST
Titel: Der Lauf der Zeit

Diese Vorreiter des okkulten Death Metal veröffentlichen just ihr bereits sechstes vollständiges Album „Khronos“.

Als Rotting Christ, die griechische Band mit dem für brav gläubige und gottestreue Schäfchen wirklich provokanten Namen 1989 von Sakis Tolis und seinem Bruder Themis im glühend heißen Athen gegründet wurde, versuchten sich die beiden noch im Covern und darauffolgenden Übertreffen ihrer dunklen Inspiratoren Venom, Bathory und Possessed, welche heute von Legionen vergleichbarer Acts gleichermaßen als Paten genannt werden.

Die Band gab sich nachfolgend die größte Mühe, einen eigenen Stil zu kreieren, was den fest entschlossenen Debütanten auf ihrem 1989er Minialbum „Satanas Tedeum“ auch schon ganz gut gelang.

Natürlich standen sie erst am Anfang einer noch folgenden, die Jahre überdauernden Laufbahn.

Über die Veröffentlichungen „Passage To Arcturo“ im Jahr 1991, „Thy Mighty Contract“ 1993, „Non Serviam“ 1995, „Triarchy Of The Lost Lovers“ 1996, „A Dead Poem“ in 1997 und dem 1999er Düstererfolg „Sleep Of The Angels“ bis hin zum aktuellen Werk „Khronos“ vollzogen Rotting Christ eine Metamorphose, die wie die Verpuppung von der Raupe zum Schmetterling anmutet.

Dominierte anfänglich das Trachten um größtmöglichen Mystizismus und ultimatives Böses in den Kompositionen dieser Hellenen, änderte sich mit den Jahren und dem Lauf der Zeit auch die Ausformung des Sounds der ausdauernden Horde.

Vorläufiger und markantester Stilbruch mit der Vergangenheit war der letztjährige „Sleep Of The Angels“-Release, der ein Gothic Metal Album reinsten Wassers hervorbrachte. Doch die Formation wollte wieder Back-To-The-Roots gehen. Zu sehr hatte man sich in eine Richtung hinein manövriert, die denkbar wenig Raum für Spielfreude und metallene Passion ließ.

So geht es auf dem neuen Longplayer „Khronos“ wieder zurück zu alten und bewährten Klängen, weg von der doch in der Vergangenheit allzu sehr verweichlichten Erscheinung der Musik Rotting Christ´s. Vokalist und Saitenprofi Sakis leidet unter der schier unerträglichen Hitze seiner reizvollen Heimatstadt:

„Bitte schickt uns doch etwas von eurem Dauerregen; nur ein paar Tropfen“, fleht er mich nach kurzem Austausch der jeweiligen derzeitigen Wetterlage an, der durch sein Jammern auf die dortigen Temperaturen zu Beginn des Gespräches vonstatten ging. In mir keimte ein wenig Sehnsucht auf, denn mit Bestmarken von bis zu 45° Celsius in der Sonne ist man im fernen Athen eindeutig verwöhnter, was das Stillen des Hungers nach Sonnenstrahlen angeht.

Überhaupt, frage ich mich, wie kann die Band bei dermaßenen Ortsgegebenheiten solcherlei stockdunkle und emotional stark unterkühlte Musik kreieren? Sakis:

„Kein Problem, die Dunkelheit, die man im Herzen benötigt, um unseren Sound zu erzeugen, trägt man tief in sich. Da spielen die Umstände, unter denen man lebt, keinerlei Rolle. Ich hatte bisher niemals Schwierigkeiten, Songs zu schreiben, welche diese für uns so charakteristische Morbidität und abgrundtiefe Dunkelheit nach außen transformieren“, gibt er mit aufrechtem Selbstbewußtsein von sich.

Der überaus bodenständige Hauptkomponist von Rotting Christ, der die Band schon seit der Gründung fest in der verwaltenden Hand hat, scheint überhaupt ein Mann zu sein, der weiß, wovon er redet. „Wenn ich mir die heutige Szene immer wieder mal kritisch so anschaue, so gibt es immer weniger Bands, die mit voller Überzeugung an die von ihnen in der Musik verarbeiteten Ideale auch selbst glauben. Vieles ist mehr Schein als Sein; gerade in der Black Metal Szene, die vor Dogmen nur so strotzt. Als wir am Anfang unserer Laufbahn standen, hätten wir damals wohl nicht mal im Traum dran gedacht, etwas, wovon wir nicht gänzlich überzeugt sind, musikalisch zu äußern. Rotting Christ stehen von Beginn an für Mystik, Okkultismus und pure Dunkelheit.“

Ich verfolge den Werdegang der beschlagenen Griechen nun mittlerweile auch schon einige Jahre und kann ihm diese Aussage bestätigen. Auch wenn die Band mit den Jahren immer mehr an Härte verlor, so erweckte keines der Alben den Anschein, als wenn man sich selbst verleugnete.

Für diese Tatsache spricht einmal mehr das neue Album, auf dem man wieder deutlich an Gesamthärte und erdrückender Dramatik zugelegt hat und welches mich sehr berührt hat. Zudem komme ich nicht umhin, die Produktion, die alles aus den Tracks herauszuholen kann, zu loben. Sakis freut sich darüber sehr:

„Ja, die Produktion habe ich, ohne mich nun selbst in den Vordergrund stellen zu wollen, diesmal besonders gut hin bekommen. Die Scheibe wurde im Abyss Studio in Schweden aufgenommen; das war eine tolle Zeit für mich und die Band. Wir verbrachten 20 Tage im Studio und ich hatte mir auch genug Zeit abgerungen, in den Pausen die Gegend zu erkunden. Das Abyss liegt mitten im Wald, es führt ein schöner Fluß in unmittelbarer Nähe vorbei, für mich als Naturfreak ein wunderbares Erlebnis! Ich will nicht ewig in Griechenland bleiben. Die Hitze geht mir gewaltig an die Substanz. Aufgrund der Eile, die im Studio geboten war, konnte ich leider nicht öfter dort abhängen, als in den Pausen. Am Abend waren wir immer total geschafft. Perfektion kostet ihren Preis an Zeit. Es ist der blanke Wahnsinn, wer im Abyss so alles aufnimmt. Peter Tägtgren ist ein absoluter Workaholic! Wir waren den ganzen März im Studio. Ich übernahm die komplette Produktion; Peter und Lars Szöke, der Hypocrisy-Drummer halfen mir mit aller Freude und Geduld.“

Alle Achtung. Ist es denn nicht sehr schwierig, bei dem Druck, die Songs einzuspielen, auch noch die ganze Produktion fertig zu bekommen? Eine solche Doppelbelastung nötigt doch sicherlich alle Kraft ab. Wir erfahren:

„Sicherlich ist diese Arbeitsweise sehr kräftezehrend, sowohl physisch als auch psychisch. Ich wollte aber diesmal die Rotting Christ-Produktion, die ich mir schon immer erträumt hatte. Und da ich öfters als PA-Anlagenbauer arbeite, verstehe ich eine Unmenge von der Technik und kann prima damit umgehen. Also konnte ich es mir nicht nehmen lassen, die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Und es hat sich gelohnt. Wir haben eine mörderische, gleichfalls druckvolle wie ebenso transparente Produktion gezaubert. Ich bin Peter und Lars zu größtem Dank verpflichtet, weil sie mich so arbeiten ließen, wie ich es für richtig hielt und nur die Feinheiten mit mir abstimmten und mir wichtige Insidertips gaben.“

Das höre ich nun nicht zum ersten Mal. Nicht umsonst ist das Abyss mit den Jahren die erste Adresse geworden, wenn es darum geht, die bestmögliche Klangqualität und die qualifizierteste Beratung zu bekommen, die man in dieser Branche erwarten kann. Peter und Lars sind selbst seit sie denken können, dieser Musik verfallen. Und Hypocrisy sind als Band eine der Besten weltweit geworden. Scheint ja alles im Lot zu sein im Lager der Band.

Was mich noch interessiert: Warum hat man denn nach der bizarren Akustik, die die ersten Scheiben geprägt hat, diese überraschenden Ausflüge in den Gothic Metal-Style gemacht, welche vielen alten Anhängern ein Stirnrunzeln auf die Mienen gezaubert hatten? Hatte das Label am Ende die Hände im Spiel, das Rotting Christ´sche Verkaufszahlen ankurbeln wollte? Der Sänger und Gitarrist dementiert entschieden:

„Nein, auf gar keinen Fall! Wir fühlten uns mit den Jahren nicht mehr so wohl mit unserem Stil, wollten etwas Abwechslung in den Sound bringen. Es war uns einfach danach. Und es war auf jeden Fall gut so. Denn so haben wir gemerkt, was unsere Destination ist. Du kannst es nun auf `Khronos` hören.“

© Markus Eck, 11.08.2000

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