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Interview: ROTTING CHRIST
Titel: Anhaltende Rebellion

Die uralten hellenischen Gottheiten der Unterwelt müssen ihnen zweifelsohne sehr wohl gesonnen sein, denn die nach wie vor grenzenlos inbrünstigen Dämonenjünger Rotting Christ zählen derzeitig mit ganzen 23 Jahren Bandexistenz zu den dienstältesten Extreme Metal-Horden Griechenlands überhaupt.

Eine nach heutigen Genre-Maßstäben schier unglaubliche Zeitspanne von Respekt abringender Dauer also, an der Gitarrist und Vokalist Sakis Tolis auch nicht unwesentlichen Anteil hat: Er hält den bedrohlichen Höllenhaufen von Anfang an mit fest führender Hand beieinander.

Bereits vor einigen Jahren schlug der unverwüstliche Dunkeltrupp bekanntlich eine interessante stilistische Richtung ein, auf welcher die altbewährte spezielle mythische Rezeptur aus Black-, Dark- und Gothic Metal mit feinen Ethno-Elementen teils atmosphärischer Natur ergiebig verfeinert wurde.

Und dies zeigt sich auch auf dem aktuellen Albumwerk „Aealo“ von der ernsthaftesten und spannendsten Seite: Darauf wirklich ideenreich ohne Ende, gehen die instrumentell wieder knallhart schuftenden Athener Okkultknechte mit aller Spielfreude vor.

Und Rotting Christ zeigen eindrucksvoll auf, dass mordsgrimmige Zornstahlklänge auch famos mit altgriechisch erklingender Folklore und hypnotisch entrückt trällernden ritualschamanischen Weibsgesängen funktionieren.

„Eigentlich kaum zu glauben, wie schnell uns die Zeit seit unserem letzten Album `Theogonia` schon wieder durch die Finger geronnen ist. Die Scheibe kam vor mehr als drei Jahren raus, doch mir kommt es beinahe vor als wäre es gestern gewesen. Höchstwahrscheinlich liegt es sowieso wieder hauptsächlich daran, dass ich in dieser Zeit wie besessen daran gearbeitet habe, die Band beziehungsweise unsere Musik wieder ein ganzes Stück vorwärts zu bringen. Und ich finde, das ist mir auch gut gelungen“, konstatiert Düsterheimer Tolis mit Passion und Stolz in der Stimme.

Der leidenschaftliche Songwriter, Mystiker und Okkulthistoriker fährt gleich fort: „Ja, ich denke, ich war erfolgreich bei dem was ich mir persönlich für `Aealo` vorgenommen habe. In allererster Linie wollte ich natürlich ein noch besseres Ergebnis hinbekommen als dies auf `Theogonia` der Fall war; doch ob mir das geglückt ist, haben natürlich die Hörer zu entscheiden. Jedenfalls hob ich auch den Anteil der typisch griechischen Ethno- und Folkloreelemente für diese neue Scheibe an, und besser produziert als der Vorgänger ist sie glücklicherweise auch. Insgesamt ist `Aealo` wie gewollt enorm variantenreich geworden, viele Passagen beziehungsweise musikalische Ideen sind bislang in dieser Art von Metal einzigartig. So kann ich `Aealo` getrost als unsere bislang am meisten grenzüberschreitende Veröffentlichung titulieren, ganz abgesehen von der mir persönlich erscheinenden Tatsache, dass wir noch niemals so viel `Seele` in eine Rotting Christ-Platte packten.“

Der mehr als christenkritische Bandname Rotting Christ stand in den allerhärtesten Zeiten der unheiligen Hellenenrotte für hochsatanischen Black Metal, also genau die Art von Musik, die weder Ängste noch Schwäche akzeptiert, geschweige denn gesellschaftlich allgemeingültige Autoritäten.

Wie also geht ein unbeirrbarer Schwarzmetallfürst wie Gevatter Tolis mit dem mittlerweile doch arg verängstigten und mental immer labiler werdenden Zeitgeist um?

Da wird der erfahrene Gitarrenmann sofort deutlich und vor allem laut:

„Das System hat uns alle fast besiegt, oder sie sind schon ganz kurz davor! Aber genau darum gibt es eine Band wie Rotting Christ! Wir sind hier, unsere Hörner in `ihre` Fratzen empor zu recken und um immer weiterzumachen mit unserer Musik. Um weiterhin die rebellischste Form von Kunst zu kreieren! Ich rede von extremem Metal. Unsere Träume werden ihre Albträume sein!“

Man merkt es auch hier deutlich: Der Kerl glüht regelrecht für seine Sache, und das nach mehr als zwei Dekaden aktivem Musikerdasein, eine absolute Seltenheit. Wir gingen daraufhin rasch zur Bedeutung des aktuellen Albumtitels über, Griffbrettteufel Tolis geht dazu in die Tiefe:

„`Aealo` ist die Übersetzung eines alten griechischen Begriffes und steht für katastrophalste Zerstörung beziehungsweise einen gigantischen Niedergang. Allüberdachend passt das perfekt zur lyrischen Konzeption der neuen Platte, `Aealo` wird das Gefühl sein, welches die Hörer nach dem Hören der Veröffentlichung haben werden“, ergeht sich der aufgeweckte Frontmann in prophetischer Weise.

Wie er weiter ausführt, behandelt „Aealo“ auf textlicher Ebene primär die Gefühlswelt eines Kriegers in einer Schlacht. „Seltsame Emotionen, befremdliche Emotionen. Emotionen wie Zorn, Angst und Pein und so viele andere Befindlichkeiten, die einen Krieger bei solchen Kampfhandlungen ausfüllen. Hört man sich unseren neuen Output aufmerksam an, wird man das alles nachfühlen können, kommt man sich sozusagen vor wie inmitten einer tosenden antiken Schlacht, in der man neben dem Gegner auch gegen seine eigenen Gefühle zu kämpfen hat, um nicht zu versagen.“

© Markus Eck, 28.01.2010

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