EVIG
NATT
„I Am Silence“
(Omvina) 9/10
Nicht selten gedenke ich noch immer nur allzu gerne den alten Veröffentlichungen
von Tristania, deren grandiose Gothic Metal-Klänge zumindest innerhalb
der ersten drei Klassikeralben die ganz gewisse Nobelmischung an spiritueller
Sakralität, aristokratischer Klanganmut, süß schwelgender Melancholie
und inniglicher Dramaturgie innehaben. Bislang konnte daran nur eine Handvoll
Bands weltweit anknüpfen, von Tristania selbst ja ganz zu schweigen. Kürzlich
bekam ich nun von den ebenfalls aus Norwegen stammenden Evig Natt deren 2007
veröffentlichtes Debütalbum zugesendet, welches mich in allen eingangs
genannten Belangen vollauf begeistern kann. Die darauf enthaltenen Kompositionen
sind zum absolut überwiegenden Großteil von immens hohem Wiedererkennungswert
– emotional hochintensiver Bilderbuch-Gothic Metal mit allem drum und dran.
Soll heißen, Eintönigkeit ist hier nicht vorzufinden. Vielmehr decken
die Songs eine wirklich atemberaubende Bandbreite an verschiedensten Gefühlsausbrüchen
ab – sogar einige sehr rasant gedroschene Passagen mit frenetischer Lust an
aufbrausend explosiven Takten sind beispielsweise mit dabei. Bestes Stück
ist der zeitlos formidable Opener „Nemesis Of Heart“, dessen aufwühlende
Grundmelodik das Hörerbewusstsein so schnell nicht wieder verlässt.
Ich habe mir die Nummer gleich mehrmals hintereinander angehört, so sehr
faszinierend empfand ich das Gehörte. Mir stellte sich bei „Nemesis Of
Heart“ im Zuge dessen eindringlich die bewegende Frage, was das kreative künstlerische
Streben nach musikalischer Wertigkeit doch auch nach so vielen Jahrtausenden
menschlichen Schaffens noch immer für spektakuläre Meisterleistungen
hervorzubringen imstande ist – die gleichfalls beseelten wie bewegenden Tonfolgen
des Liedes sind als einzigartig schön einzustufen.
Die herrlich unprätentiöse beziehungsweise wandelbare und daher stets schnell für sich einnehmende Stimme von Sängerin Kirsten Jørgensen dominiert sich die Kehlenebenen dieses fantastischen Albums – Stein Sund hingegen steuert tiefe und elegische Growls hinzu. Letztere wirken auf die Gesamtspieldauer verteilt ab Mitte der Scheibe zwar etwas zu monoton, trüben meinen Hochgenuss an „I Am Silence“ jedoch beinahe gar nicht. Zuweilen kreischt der gute Stein glücklicherweise auch mal lüstern und triumphal ab, wie beispielsweise im dritten Stück „My Demon“ – man merkt also, die gezielt variantenreiche stilistische Mixtur von Evig Natt steckt trotz allem Tiefgangs voller abnutzungsfreier Impulsivitäten. Das verführerisch verträumte Cellospiel, welches die stimmbandstarke Dame hierzu beisteuerte, bezeugt ihre hohe Musikalität ebenfalls bestens. Sund, auch bekannt von den kultigen Viking Metal-Heroen Thundra, sowie Jørgensen haben „I Am Silence“ zwar mit Hilfe von Gastmusikern eingespielt, doch das fällt einem zu keiner Sekunde auf – alles wirkt hier wie aus einem Guss, alles kommt perfekt aufeinander eingespielt rüber. Meister Sund’s hochgradig feinmelodisch und eingängig erperlendes Keyboardspiel vom Allerfeinsten krönt diese fantastische Veröffentlichung, zuweilen werden gar liebliche Tastenintermezzi vollauf besinnlicher Natur vorgetragen. Auch das anregend nicht zu düster gehaltene Frontcover und überaus fein gemachte Booklet-Layout fügen sich restlos stimmig in die gesamte Erscheinung mit ein, sodass ich hier gerne abschließend von einem tief berührenden Meisterwerk sprechen kann.
© Markus Eck
(19.06.2009)