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Interview: ALAZKA
Titel: Ausbruch aus der Schublade


Los ging es für die Recklinghausener Melodic Hardcore-Dynamiker 2012 unter dem aberwitzigen Bandnamen Burning Down Alaska.

Talent, Können, Entschlossenheit und Ausdauer verhalfen der visionären Nachwuchshoffnung trotz heftig rotierendem Besetzungskarussell nachfolgend zu erstaunlich schnell ansteigender Beliebtheit.

Der vielbeachteten 2015er EP „Values & Virtues“ pfeffert die seit März in Alazka umbenannte Intensivkapelle nun das in der weltweiten Szene breit ersehnte Debütalbum „Phoenix“ hinterher. Garantierte Aufmerksamkeit ist dem explosiven Quintett spätestens seit der eigenen Headliner-Tour sicher!

Bassist Julian Englisch ist mit ganzer Leidenschaft dabei.

„Die Band bietet mir die Möglichkeit, mich auf so viele verschiedene Arten kreativ zu entfalten und mich selbst zu verwirklichen. Außerdem habe ich dadurch die Möglichkeit, Dinge zu erleben, die mir sonst entgehen würden. Da spielt so vieles rein. Es hat als Hobby angefangen und ist mittlerweile zu meinem Lebensinhalt geworden. Es ist ein Teil von mir geworden, den ich nicht missen möchte. Wie Richard, der Gitarrist von Rammstein gesagt hat: ‚Eine Band ist wie eine Ehe, nur ohne Sex‘. Ich wüsste, ehrlich gesagt, auch gar nicht, was ich ohne Alazka überhaupt machen würde.“

Scherzhaft befragt, ob er Alaska mit seiner melodisch orientierten Notenbande mittlerweile nun nicht mehr niederbrennen möchte, gerät der Tieftöner zunächst in verschmitztes Schmunzeln.

„Um ehrlich zu sein, fällt mir zu dem Namen nur ein Wort ein: Generic. Wir haben ihn damals gewählt, als die Band gegründet wurde, als gerade mal Marvin und ich da waren und der Rest noch komplett anders besetzt war. Es ist einfach ein typischer Metalcore-Bandname und damals wollten wir auch genau so etwas. Aber zufrieden waren wir damit gar nicht so lange. Wir wollten unseren Namen schon lange ändern, haben aber nie den richtigen Ansatz gefunden und die Zeit schien auch nie richtig zu sein. Lustiger Weise hatten unser Gitarrist Marvin und ich letztes Jahr, kurz nachdem Kassim als Shouter zu uns kam, genau dieselbe Idee, völlig unabhängig voneinander. Alle anderen waren ziemlich schnell davon überzeugt und wir haben es als Zeichen gesehen. Wir haben uns als Gemeinschaft vollständig gefühlt und fanden es passend, dann auch einen Namen anzunehmen, der alle von uns repräsentiert, vor allem die, die bei der damaligen Namenwahl gar nicht dabei waren.“

Das Statement dazu, warum man seine Newcomercombo unbedingt kennen(lernen) sollte, kommt in Bescheidenheit über die Lippen. „Ich würde sagen, wir sind eine der wenigen härteren deutschen Bands, die auch international Anklang finden und es schaffen, sich einen Namen zu machen. Die meisten Leute haben bei der ‚Impericon Never Say Die! Tour‘ das erste Mal von uns gehört. Dadurch hat es sich für uns auch erst gelohnt, eine eigene Headliner Tour zu fahren. Ich glaube wir hatten, als die EP rauskam, echt großes Glück, dass die Richtigen ihr Vertrauen in uns gesetzt haben und dass unsere Musik bei den Leuten ankam. Wir sind mega-dankbar für alles, was uns bisher passiert ist.“

Als Internet-Phänomen, wie beispielsweise einst die britischen Indie Rocker Arctic Monkeys, möchte er seine Gruppe nicht bezeichnen.

„Natürlich haben wir unsere Wurzeln in den Sozialen Medien, aber das trifft heutzutage auf alle jungen Bands zu. Man baut sich seine Webpräsenz auf, dreht selber Musikvideos und hofft, durch die Möglichkeiten auf YouTube und Co. einen Weg in die Ohren der Leute zu finden. Für uns ging es damals vor allem darum, Shows zu spielen und möglichst überall hinzukommen. Dann kam irgendwann recht klassisch der Plattendeal und von da an ging es für uns gefühlt nur noch aufwärts. Wir hatten einfach auch das Glück, beeindrucken zu können und mit unserer Musik einen Nerv bei den Fans zu treffen.“

Metalcore, Melodic Hardcore, Post Hardcore, etc. - viel wurde bislang auf stilistischer Ebene in den quirligen Haufen hinein interpretiert. Julian zuckt mit den Schultern, während die Mundwinkel nach unten gehen.

„Wir wurden mittlerweile mit so vielen Genres in Verbindung gebracht, dass es das passende für uns überhaupt nicht mehr zu geben scheint. Manche sind passender, andere weniger. Ich meine, wer behauptet ernsthaft, wir würden Metalcore spielen? Irgendein Typ hat letztens auf YouTube geschrieben, unsere Musik würde wie ‚Heavy Ed Sheeran’ klingen. Das hat mir irgendwie gefallen.“

Letztlich weiß der Bassist selbst nicht, wie er sagt, was das eigentliche Genre von Alazka ist. „Ich ordne uns einfach mal irgendwo im Post Hardcore ein. Dort wurden wir mittlerweile recht häufig platziert. Was mich daran nervt? Dass die Definition des Genres sich mit der Zeit immer weiter verändert. Der Sinn von Genres ist doch, uns zu helfen, Bands einzuordnen. Das funktioniert einfach nicht, wenn man immer wieder verändert, wofür die Genres stehen. Zum anderen, was das Post Hardcore-Genre, wie es momentan ist, angeht, frag' ich mich, warum jede Band, die momentan versucht, was zu reißen, behauptet, sie würden Post Hardcore spielen. Für mich ist Post Hardcore, was Rise Against damals gemacht haben. All die Subgenres von Hardcore liegen momentan nacheinander im Trend und jede kleine Band springt auf jeweils das Genre auf, dass gerade bei den Leuten ankommt.“

Man sollte sich als Band ein Genre ohnehin nicht einfach danach aussuchen, was es verspricht, so der Schrubber der dicken Saiten.

„Das widerspricht für mich dem ganzen Sinn hinter Genres. Was uns in unserem Genre am meisten gefällt, finde ich sogar noch schwieriger zu beantworten. Wir suchen uns unser Genre halt nicht gezielt aus. Für die Bands mit denen wir aber auf der Bühne stehen gilt eine Sache, die ich wirklich gut finde. Bei allen spürt man die Emotionen hinter der Musik. Für die Fans geht es, wenn sie auf Shows gehen, einfach darum, ihren Alltag zu vergessen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das ist für mich das Beste.“

Wo die Musik von Alazka mehr geschätzt wird, also daheim in Deutschland oder außerhalb, das lässt sich laut Julian gar nicht so einfach sagen.

„Wir fühlen uns überall wunderbar von unseren Fans aufgenommen. Ich nehme an, Deutschland ist schon das Land, in dem wir die meisten Fans haben - aber das ergibt sich als deutsche Band ja mehr oder weniger von selbst. Wir sind für jedes Konzert, dass wir spielen können, unendlich dankbar, egal wo es stattfindet. Doch gerade als deutsche Band wissen wir ebenfalls zu schätzen, wenn wir durch unsere Musik auch im Ausland Fans haben.“

Alazka haben sich alle nötige Zeit gelassen für dieses Debüt, so dünkt es. Was hat die Jungs denn bloß so lange aufgehalten, lautet die Frage. Julian erläutert:

„Das kann man durchaus sagen, da unsere Debüt-EP mittlerweile schon über zwei Jahre alt ist. Wir hätten das Album liebend gern früher rausgebracht, aber das lag nicht wirklich in unserer Hand. Wir waren ehrlich gesagt selbst davon geflashed, wie viele Shows wir durch die EP spielen konnten. Das waren allein vier Touren plus all die Festivals. Da blieb gar nicht so viel Zeit übrig und wir wollten, dass das Album genau unseren Vorstellungen entspricht, also haben wir uns dafür auch die Zeit genommen. Immerhin ist es unser Debütalbum und es gefällt uns nicht, etwas halb Gares abzuliefern.“

„Hearts Of Gold“ ist schon eine echte Sahnenummer, so intensiv, so emotional, und doch so smooth! Was zeichnet ein Herz aus Gold nach Ansicht des Bassisten aus? „Erstmal Danke, für die netten Worte! Für mich persönlich zeigt ein Herz aus Gold, dass man etwas hat, wofür man einsteht, was einem wichtig ist und für das man alles aufgeben würde. Genau darum geht es in dem Song, auch wenn er tatsächlich einen ziemlich realen Bezug hat.“

Und wie läuft das Songwriting bei Alazka ab, um beispielsweise so einen griffigen Track wie „Hearts Of Gold“ an den Start zu wuppen?

„An sich läuft das Ganze recht simpel. Marvin und Dario schreiben die Instrumentals, ich schreibe die Lyrics. Wir arbeiten dann mit jedem seine Parts aus, heißt, Tobi und Kassim checken mit mir, wie sie meine Vocal-Ideen umsetzten und ich gucke nochmal über meine Bassparts und verändere eventuell Kleinigkeiten. Das klappt mit der Arbeitsteilung extrem gut. Wir arbeiten grundsätzlich einfach nach der Devise, dass immer der etwas machen sollte, der es am besten kann. Dario schreibt zum Beispiel unglaublich gute Basslines für mich.“

Julian hofft, so offenbart er, dass Alazka mit „Phoenix“ ihre Fans eine Dreiviertelstunde auf eine Reise mitnehmen können, die sie nicht vergessen werden.

„Es gibt viele verschiedene musikalische Einflüsse, die sich auf dem Album zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Es gibt Funk-Elemente, groovige Parts, Marvin hat einige heftige Solos ausgepackt. Das ganze Album steckt voller Kontraste, wobei der auffälligste natürlich der Wechsel von Tobi und Kassim sind, die ihre Emotionen auf alle möglichen Arten rauslassen. Ich hoffe wirklich, die Fans feiern unsere neuen Songs. Wir freuen uns extrem darauf, sie endlich live zu spielen, denn gerade dafür sind sie gedacht!“

Eine echte Songauswahl gab es für das Album gar nicht, wie auf Nachfrage zu erfahren ist. „Zumindest nicht so, wie man es von vielen Bands kennt. Ich lese immer wieder davon, dass Bands beim Songwriting Unmengen an Songs geschrieben haben und wundere mich jedes Mal, wie die das machen. Wir haben für das Album genau die Menge an Songs geschrieben, die wir draufhaben wollten. Uns ist es lieber, so lange an einem Song zu arbeiten, bis wir ihn perfekt finden, als einfach einen Haufen zu schreiben und dann das Beste rauszusuchen.“

Bei Alazka geht es laut dem Tieftöner sowieso nicht um einzelne Elemente. „Klar, das ist nicht zu bestreiten, Kassims Stimme ist einzigartig und bei uns auf jeden Fall die größte Neuerung. Was uns ausmacht ist aber eher die Kombination der verschiedenen Einflüsse und das Gesamtbild, das daraus entsteht.“

Nennenswerte musikalische Einflüsse, die in den neuen Stücken ihre Facetten haben, gibt es laut Julian keine besonderen.

„Es gibt glaub’ ich nichts, was da herausstechen würde. Das liegt zum einen daran, dass wir uns nicht bewusst an anderen Künstlern orientieren, sondern lieber damit arbeiten, was sich subtil durch unsere eigenen musikalischen Geschmäcker in unserem Schreibstil verewigt hat und zum anderen, dass es, gerade durch unsere unterschiedlichen musikalischen Interessen, so viele verschiedene Einflüsse gibt, dass es schwierig wäre, da einen oder zwei wirklich prägnante herauszupicken. Zumindest geht es mir damit so. Das ist, meiner Meinung nach, ja nichts, was in Stein gemeißelt ist.“

So kommt es den Beteiligten letztlich am allermeisten auf Dynamik und Emotionen an, so der Griffbrettschwinger. „Wir wollen mit unserer Musik Gefühle vermitteln und für mich bestehen Gefühle aus Kontrasten.“

Ob der Aufstieg der Formation selbst aus der vermeintlichen, symbolischen Asche hinter dem Albumtitel „Phoenix“ steckt, bringt den Interviewpartner dezent ins Schmunzeln. „Wären wir eine 08/15-Radio-Band würde ich das jetzt bejahen und eine tolle Story über uns als Band, die eine harte Zeit durchgemacht hat, erzählen. Tatsächlich hat der Titel mit uns als Band aber rein gar nichts zu tun. Es geht tatsächlich eher um den Phönix an sich. Von der Legende merken sich die meisten Leute, dass der Phönix unsterblich ist und aus der Asche aufsteigt. Ich habe mir das Ganze aber aus einer anderen Perspektive angeschaut. Die Unsterblichkeit macht den Phönix nicht zu etwas Besonderem. Dass er vorher verbrennt, ‚durchs Feuer geht‘, ist für mich das Interessante. Es ist eine wunderbare Metapher für das Leben. Es gibt so viele Dinge, die im Leben schiefgehen. Diese Dinge können uns runterziehen, entmutigen und zweifeln lassen. Gerade schwere Einschnitte und persönliche Erlebnisse sorgen dafür. Doch die gehören zum Leben dazu. Wir wachsen daran, wir machen weiter und am Ende haben uns all diese Dinge zu dem gemacht, wer wir heute sind.“

Beim Schreiben der Lyrics ist Julian wichtig, wie er sagt, dass es um Themen und Gefühle geht, in die er sich hineinversetzen kann, die er wirklich selbst fühlt. „Daher entstehen die meisten meiner Texte aus persönlichen Erlebnissen oder Geschichten, die Personen, die mir nahestehen, passiert sind. Im Falle des aktuellen Albums basieren all die Songs auf ziemlich negativen Erlebnissen. Das hat zum einen mit dem Konzept des Albums zu tun, zum anderen mit der Menge an Dingen, die ich in meinen Texten verarbeiten wollte. Einen Text über ein bestimmtes Thema zu schreiben, bedeutet für mich immer, damit abzuschließen. Mir persönlich gehen alle der Texte unter die Haut, da sie alle ein Teil von mir sind und ich tue mich echt schwer damit, sie unterschiedlich zu werten. Wenn ich aber drei auswählen müsste, würde ich ‚The Witness‘, ‚Everglow‘ und ‚Blossom‘ nennen. Wer die Songs hört und die Texte liest, kann sich wahrscheinlich auch vorstellen, warum.“

Das bemerkenswert interessante Gespräch thematisiert noch die kommenden Gigs beziehungsweise wobei Alazka dabei ihre Prioritäten setzen werden.

„Erstmal kommt es für uns darauf an, die neuen Stücke überhaupt live zu präsentieren. Wir haben so lange darauf gewartet, dass unsere Headliner Tour im September gar nicht schnell genug kommen kann. Zwei der neuen Songs haben wir ja schon live gespielt und waren überwältigt von der Resonanz. Dass unsere Fans so schnell so textsicher waren, war für uns eine Form von Bestätigung, dass es noch deutlich mehr Leute als uns gibt, die darauf warten, dass wir die neuen Songs auf der Bühne auspacken. Wenn du das erlebst, während du einen neuen Song das erste Mal live spielst, ist das unglaublich erfüllend. Wenn wir auf die Bühne gehen ist uns aber generell, nicht nur bei den neuen Songs, wichtig, dass unsere Emotionen, die wir in die Songs reinpacken, auch bei unseren Fans ankommen. Wir spielen ja nicht nur für sie, sondern auch für uns selbst. Für mich gilt, dass jeder, der auf einer Show ist, seinen Emotionen freien Lauf lassen können sollte - egal ob vor der Bühne oder davor.“

Die größten Hoffnungen seiner Truppe konkretisiert der Bassist schließlich in genau zwei Dingen: „Dass unsere Fans ‚Phoenix‘ so sehr feiern, wie wir uns darauf freuen es endlich rauszuhauen und dass sie unsere anstehende Tour mit uns zu der besten machen, die wir bisher fahren durften!“

© Markus Eck, 09.08.2017

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