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Interview: FINSTERFORST
Titel: Bei sich selbst angekommen

„Still“ haben die beständigen Extreme-Metal-Epiker ihr neues Album betitelt. Das exakte Gegenteil verdient im Gegensatz die aktuelle Musik, die sich laut einfach mal wieder am allerbesten anhört.

Der aktuelle Nachfolger zum 2019er „Zerfall“ präsentiert das tiefgründige Schaffen des Septetts spannender denn je, dazu mit so einigen neu eingeschliffenen Klangfacetten - inklusive hocherhabenen Chören.

Wie Sänger Olli zurückblickt, kam Covid echt ungelegen für die Geschicke der Finsterförster. „‚Zerfall‘ war gerade draußen, wir hatten einige coole Gigs und zwei Touren geplant und plötzlich ist das alles gestrichen worden. Rein auf die Promo durch Live-Geschehen geguckt, war ‚Zerfall‘ ein bisschen die Platte, die nie war. Aber wir haben dann irgendwann die Arschbacken zusammengekniffen und unsere EP ‚Jenseits‘ gemacht. Als Privatpersonen hatten wir vermutlich dieselben Dramen wie die meisten anderen auch, wobei einige von uns die Zeit für Nachwuchs genutzt haben, der zumindest mich häufig sehr viel stärker beschäftigt hat als dieses ganze Theater um Covid.“

„Jenseits“ wurde mit Crowdfunding und Unterstützung des Labels realisiert. „Aber viel Promo ist dazu nicht gelaufen. Daher ist die Platte weniger bekannt als sie sein sollte, aber die Reaktionen waren zum größten Teil wirklich toll. Auch von unseren Fans habe ich nur Gutes über die Scheibe gehört und ich selbst finde sie bis heute atmosphärisch unheimlich dicht und stimmig. Einfach eine geile Platte, die viel Spaß gemacht hat.“

Den Glückwunsch zu „Still“ nimmt Axeman Simon freudig an.

„Es fühlt sich gerade sehr gut an. Mit dieser Platte starten wir ein neues Kapitel – nebst der etwas kompakteren musikalischen Struktur erscheinen wir auch optisch in einem neuen Look. Insgesamt war der Aufwand was die Produktion für ‚Still‘ betrifft extrem umfangreich. Hinter ein paar Dingen standen noch Fragezeichen, aber nach einer gewissen Zeit konnte sich alles sehr schön fügen. Ich persönlich bin verdammt stolz auf dieses Album und bin gespannt wie die Lieder live ankommen werden.“

Die Band-Zusammenarbeit fßrs neue Opus lief laut Olli mit grundsätzlich klarer Teilung ab.

„Simon schreibt die Musik, ich Texte, dann geht’s ins Studio, wo Simon wieder das Zepter in der Hand hat und mit Christoph Brandes zusammen die Produktion macht. Spannend ist immer das ganze Drumherum wie das Artwork, Merch etc. Da sind wir einfach sieben Personen, die sich irgendwie einig werden müssen. Manchmal nervt man sich dann gegenseitig auch, aber wir alle wollen das bestmögliche Ergebnis für die Band, da muss man das eigene Ego dann auch mal beiseite schieben. Alles in allem funktionieren wir zusammen sehr gut, nur ein bisschen schneller wäre manchmal schön. Aber wir haben eben auch Familien und normale Jobs, die Zeit und Energie fordern.“

Der neue Longplay-Output weist primär den ßber die letzten Jahre bewährten, geradezu cineastisch ausweitenden Signature-Sound der Formation auf - doch es gibt noch so viel mehr darauf zu entdecken.

Wie Simon dahingehend konstatiert, bewegen sich Finsterforst darin nach wie vor in ihren typischen Gefilden. „Allerdings haben wir es nun auch ‚geschafft‘, etwas simpler an den Hörer zu treten – zumindest was die Struktur und das Gitarren-Riffing der Songs betrifft. Wir lernen jedes Mal etwas Neues, was man dann bei der nächsten Platte eventuell anders machen könnte bzw. möchte. Den Vergleich zu den ersten Veröffentlichungen unserer Diskografie will ich ehrlich gesagt weglassen, denn das sind sozusagen unterschiedliche Welten. Wir haben uns über die Zeit in eine komplett andere Richtung entwickelt und sind spätestens seit 2019 und dem Erscheinen von ‚Zerfall‘ angekommen wo wir hingehören.“

Olli wiederum rahmt das Ganze aus seiner Sicht wie folgt ein:

„Lyrisch ist es ein Mix. ‚Leere‘ wäre sehr gut anschlussfähig an ‚Jenseits‘, ‚Knie nieder‘ ist die konsequente Fortsetzung anderer Songs über das Thema Freiheit und was sie für uns persönlich bedeutet. ‚Im Wind‘ und ‚Herbstwanderung‘ sind dagegen für mich etwas relativ Neues, weil es reines Storytelling ist. Und ‚Obduktion‘ ist ein sehr persönlicher Text, inspiriert von einem Menschen, der leider sehr jung gestorben ist. Letztlich schreibe ich mir hier die Verzweiflung in meinem Beruf - Sozialarbeiter - von der Seele, weil wir einfach nicht allen helfen können.“

Als Albumtitel ist „Still“ nicht nur ungewöhnlich, sondern generiert auch fix Wissensdurst zu seinem Hintergrund.

„Als die Texte standen, war auch das Coverartwork bereits gesetzt und wir suchten nach einem griffigen Titel, der beidem sowie der Musik gerecht wird. Hier spielt wieder rein, dass wir sieben Leute sind. Wieso genau es dann ‚Still‘ geworden ist, kann ich gar nicht mehr sagen. Wir hatten viele Ideen und Vorschläge auf dem Tisch und der hat sich schlicht durchgesetzt“, postuliert Olli.

„Stille“, einige Menschen haben regelrecht Angst davor, weil man darin so gar nicht von sich selbst und seinen Sorgen, Nöten, Ängsten etc. abgelenkt wird. Direkt befragt, wie er selbst mit absoluter Stille umgeht, offenbart Olli:

„Ich bin wie erwähnt Sozialarbeiter. Eine der wichtigsten Gesprächstechniken ist die Pause bzw. das Aushalten von Pausen. Das gibt Raum für Gedanken. Dementsprechend empfinde ich persönlich Stille als etwas sehr wertvolles, auch wenn man sich selbst von Zeit zu Zeit vielleicht mal weniger gut leiden und aushalten kann. Davon mit Geräusch abzulenken, löst aber in der Regel kein Problem.“

Simon ergänzt: „Stille würde einigen Menschen hin und wieder sicherlich gut tun. Man wird zu arg beschossen mit so viel Zeug, egal ob positiv oder negativ. Hat man ein Smartphone, dann hat man Unruhe. Das Leben wurde hektischer und rastloser. Ich selber kann mit absoluter Stille bestimmt auch nicht so einfach umgehen, aber sie täte zwischendurch sicherlich mal gut.“

Vor allem die erhebend episch-heroischen Klargesangslinien wirken - wie im Opener oder „Im Wind“ - heuer doch ganz enorm gereift. Wurden sie bewusst an das aktuelle Songmaterial angepasst bzw. geschah das überhaupt bzw. haben sie sich einfach so intuitiv anpassend entwickelt?

Simon erläutert: „Die Klargesänge wurden wie gewohnt vorab auch so komponiert. Im Studio sieht man dann meistens an welchen Stellen noch etwas an den Details geschliffen werden muss.“

Wann mit dem aktuellen Songwriting begonnen und abgeschlossen wurde, ist fĂźr Simon sehr schwer zu sagen.

„Gute Frage … ich weiß gar nicht mehr wann ich begann das Material für ‚Still‘ zu schreiben. Es ist ja nicht unser Beruf, sondern ‚nur‘ ein Hobby. Wir müssen unseren Alltag mit Familie, Kindern und Jobs meistern bevor da großartig an der Musik geschrieben werden kann. Hierzu braucht es eine Familie, die dir den Rücken freihält und dir somit endlos viel Support und Liebe beweist.“

„Knie nieder“ hat unleugbare Rammstein-Einflüsse, aber eigenständig umgesetzt. Simon hierzu:

„Wie schon erwähnt, haben wir auf ‚Still‘ zum Teil eindeutig einfachere Songstrukturen, simplere Musik was den spieltechnischen Aspekt betrifft. Jedes Mal wird man von bestimmten Dingen beeinflusst und inspiriert, egal ob das Musik ist, die man hört oder Ereignisse sind, die im Alltag stattfinden. Parallelen oder Verwandtschaften zu bereits Existierendem kann und braucht man auch gar nicht leugnen. [grinst ] ‚Knie nieder‘ ist der kürzeste Song auf dem Album und schlägt meiner Meinung nach sehr wuchtig durch – ich steh’ drauf!“

„Herbstwanderung“ wiederum ist schon wirklich gewaltig. „Bei diesem Stück zeigte sich sehr schnell, dass mit dieser ruhigen melodischen Strophe eine eher ‚romantischere‘ Stimmung erzeugt wird. Olli hat da einfach perfekt die ‚Herbstwanderung‘ drauf gedichtet. Als gewaltige Steigerung haben wir dann den Refrain in Finsterforst-typischer Chor-Manier erklingen lassen.“

Befragt, welche der neuen Songs diesmal mit am meisten Aufwand erforderten, sagt Olli: „Für mich ganz klar ‚Leere‘ und ‚Knie nieder‘. ‚Knie nieder‘ war der erste Text, den ich geschrieben habe für das Album. Das ist immer schwer, weil der erste Text natürlich den Ton für das gesamte Album setzt. Und ‚Leere‘ ist einfach das Finsterforst-typische Monster am Ende, so ein Text dauert …“ 


Bei Simon hingegen war das eindeutig „Leere“, wie er offenbart. „Bei so einem etwas längeren Stück kann man nicht so einfach schnell zum Ende kommen. Wenn du ein gewisses Konstrukt am Start hast, welches etliche Ebenen beinhaltet, dann muss das alles auch seinen passenden Rahmen bekommen, sonst wirkt es unvollständig.“

Die größte Freude im Erstellungsprozess zu „Still“ - Olli legt dazu dar:

„Tatsächlich waren ‚Herbstwanderung‘ und ‚Im Wind‘ die Songs, die mir beim Texten und dann auch im Studio am meisten Spaß gemacht haben. Das sind wie schon erwähnt Texte, die ich so sonst nie geschrieben habe und ich fand das als Herausforderung für mich selbst einfach spannend. Ansonsten hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet, die Songs in den einzelnen Mix-Versionen wachsen zu hören. Wie Hannes diesmal die Platte mit seinem Klargesang durch die Stimmungen lenkt, einfach Wahnsinn.“

Simon wiederum erlebt beim Komponieren selbst meistens seine hellste Erbauung.

„Es gibt zwar Phasen, in denen schlichtweg gar nichts geht und man es lieber sein lässt, aber nach jedem einzelnen Fortschritt macht sich Freude breit. Und dann kommt der Tag, an dem man mit dem Schreibprozess fertig ist und das Studio bzw. Produzent Christoph Brandes anvisiert. Dies bedeutet, dass der altbekannte Wahnsinn seinen Lauf nimmt – und das fetzt und macht Spaß!“

In der Tat, ein exzellentes Klangbild konnte da einmal mehr bewerkstelligt werden - die gemeinsame Produktionsarbeit mit dem getreuen Christoph im Iguana Studio hat sich also wieder voll gelohnt.

Simon ist dem Reglerdreher einfach mehr als dankbar, wie er sagt, dass Finsterforst ihn seit der ersten Stunde an ihrer Seite haben.

„Wir konnten uns mit ihm so extrem brachial entwickeln was die gesamten Produktionen betrifft. Da unsere Musik inhaltlich nicht ganz so schlicht mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang ausfällt, ist der Umfang jedes Mal enorm. Von der Vorbereitung über die Aufnahmen bis hin zum letzten Schliff des Mixes ist es ein sehr langer Weg. Ich kann dir gar nicht sagen, wie lange genau wir an dem Ding beschäftigt waren, da wir nicht alles in einem Zug haben machen können. Stück für Stück haben wir aufgenommen. Einzelne Sachen dann wieder überarbeitet bzw. Neues noch hinzugefügt. Es war ein riesiges Werk – sehr viel Zeit und Kraft mussten investiert werden. Aber ja, es hat sich vollends gelohnt.“

Š Markus Eck, 07.07.2026

Photo Credit: Finsterforst

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