
| Interview: | KAMELOT |
| Titel: | Spukhafte Selbstreflexion |
Mittels des neuen und 14. Studioalbums „Dark Asylum“ gewähren die melodisch mitreißenden US-Prog-Power-Metaller betont atmosphärischen Einlass in eine düster-theatralische, immersiv- viktorianische Fantasiewelt, was die auch orchestral glänzende Erfolgsband musikalisch ebenso spannend zu inszenieren versteht.
Mit dieser enorm facettenreich angelegten, vor geheimnisvoller Vitalität nur so strotzenden Veröffentlichung präsentiert sich die - seit 1991 aktive - Formation um Sänger Tommy Karevik erneut in rundum origineller und bestechend versierter Form.
Gründungsmitglied, Gitarrist und Composer Thomas Youngblood meldet sich direkt aus Florida in bester Stimmung zum neuen und beeindruckend vielschichtigen Werk.
„Wir haben fast zwei Jahre daran gearbeitet. Ich hatte dazu vorab die Idee zur Ruine einer prachtvoll-imposanten Kathedrale, die sehr lange Zeit total verlassen in tiefen Wäldern vor sich hin bröckelt - bis eines Tages ein verrückter Kerl dort auftaucht und sich mit gewissen Absichten breitmacht, um daraus eine Art psychiatrischen bzw. Irrenanstalt werden zu lassen. Die erdachten Geschichten darin finden in einer Art Mikrokosmos statt. Der Eintritt in jeden Raum, in jedes hohe Gewölbe, in jedes stockdunkle und kalte Kellerabteil etc. bringen ihre ganz eigene Gegebenheiten und Handlungen und damit Geschichten mit sich. So etwas gab es thematisch schon hin und wieder mal, in Opern, beim Theater etc, aber wir wollten das wirklich auf eine betont psychologische bis cineastische Darstellungsebene hieven. In unserer Version lässt die Hauptfigur die ‚RavenHill-Anstalt’ entstehen - in welcher mit manischer Besessenheit Wissenschaft, (Irr)Glaube und Wahnsinn eine unheimliche Koexistenz zueinander eingehen. Ziemlich schaurig bis gruselig geht es da zu, alles ist voller Kerzen in hohen Gewölben und kalten Steinkorridoren, surreal flüsternde und zischende Stimmen ziehen und schweben durch all die Hallen. Dem Hauptprotagonisten verzerrt sich seine eigene Realität soweit, dass die Realität nur noch verzerrt wahrgenommen wird, was ihn jeden Tag immer noch konfuser und schlimmer erleben lässt. Die Frage ist dabei: Wie dramatisch wird das ausgehen, wie reißerisch wird das enden, und: Wird es überhaupt am Ende eine Erlösung geben?“
Wie Thomas weiter ausführt, ist das Düstere und Abgründige dabei mit all der unterschwelligen Spannung jedoch nur vordergründig vertreten.
„Ein weiteres Hauptziel war dabei, auch Hoffnung und Zuversicht zu bringen. Viele Menschen erleben dieser Tage eine ziemlich dunkle Zeit - daher wollten wir nicht einfach nur eine weitere typische Untergangsstimmung im Metal-Bereich kultivieren. Die Lieder, ihre Lyrics und all die Atmosphären sollen vermitteln, dass es ein Licht am Ende des Tunnels zu erhoffen gibt. Mal sollte also den Kopf hochhalten und daran glauben, dass gute Dinge geschehen werden.“
Und genau das vermittelt auch die gewohnt virtuose Gitarrenarbeit von Mr. Youngblood, der partiell gar soliert wie ein junger Gott.
„Ich habe es seit jeher gesagt und werde es immer wieder sagen: Die Gitarre erachte ich als Werkzeug, um damit meine Visionen, Inspirationen und Emotionen wiederzugeben. Ich bin eben sowieso absolut kein Selbstdarsteller, selbiges gilt ganz klar auch für den Rest der Band. Im direkten Vergleich zum Vorgängeralbum ‚The Awakening‘ aus 2023 sind die Gitarrenparts tatsächlich etwas kompakter geworden, das stimmt. Man hört diese Kompaktheit auch in den aktuellen Keyboard-Soli.“
Gute Gelegenheit, um auch einmal über die persönlichen Ursprünge seiner tiefen und langen Sechssaiten-Passion zu sprechen. Thomas:
„Ich mochte Michael Schenker und Gary Moore immer schon sehr, fühlte mich ihnen spielkulturell sofort sehr verbunden, insbesondere als ich damals selbst daraufhin damit anfing. Auch für John Norum von Europe, speziell für seine tollen Soli, habe ich viel übrig - ich denke, da sind - wie bei Gary Moore - oft sogar einige Blues-Noten im Spiel. Aber allzu viel denke ich darüber nicht nach, schließlich geht es darum, einen eigenen Song an sich mit der Klampfe wiederzugeben bzw. zu unterstützen. Unser langjähriger Produzent und Wegbegleiter Sascha Paeth steuert übrigens auch einige zusätzliche Gitarrenparts bei.“
Um die theatralischen Elemente auf „Dark Asylum“ möglichst effizient und packend umzusetzen, sind auf dem neuen Werk diverse GastmusikerInnen zu hören. Die größte Überraschung ist dabei sicherlich für viele der Beitrag von Ignacia Fernández - in ihrer Heimat gekürt zur Miss World Chile - im Titelsong sowie in „Sanctuary“. Letztere hat ihre eigene MeloDeath-Truppe Decessus, in welche sie stimmlich ziemlich krass agiert.
„Wir kennen und schätzen Ignacia schon länger, sogar schon ganze zehn Jahre. Sie ist bereits seit drei bis vier Jahren auf meinem Radar, ich bin sehr froh, dass sie bei diesen zwei Liedern dabei ist - wenn es nach derzeitigem Plan läuft, reist sie mit uns hoffentlich sogar ab ersten bis 22. November auf Europatournee Part I mit, inkl. den Bands Exit Eden und Temperance. Auf den World-Tour-Teil zum Album in Nordamerika freuen wir uns ebenso schon wirklich sehr. Los gehen wird das alles nach unserem ‚Kamfest’ am Helloween-Wochenende im niederländischen Tilburg, wo wir zwei exklusive Kickoff-Auftritte spielen werden - mit auf der dortigen Bühne werden dabei Xandria, Leaves‘ Eyes, Elegy, Black Briar, Exit Eden und Temperance sein.“
Neben Ignacia vokalisiert in „Sanctuary“ auch Clémentine Delauney von Visions Of Atlantis, die dabei äußerst markant und kraftvoll vorgeht.
Selbst anmutige Violinenklänge gibt es zu genießen auf dem neuen Hörerlebnis, von Eluveities Lea-Sophie Fischer - sie spielt in „Beneath The Moon (Tunglið)“ auf.
„Zusätzlich dazu konnten wir wie schon auf ‚Fourth Legacy’ in 1999 wieder einmal die isländische Mezzosopranistin Rannveig Sif Sigurðardóttir für den Song gewinnen, sowie ihre Tochter Sólveig Sara Leupold. Ich hatte dazu die Idee eines von Klassik unterlegten Folk-Stückes, also fragte ich unseren Keyboarder und Orchestrierungs-Arrangeur Oliver Palotai, ob er jemand wisse dafür. So kamen wir auf Lea-Sophie, mit der Oliver befreundet ist - sie sagte sofort gerne dafür zu. Ihr Spiel passt perfekt zum Song, der in isländisch besungen ist. Es war ohnehin mal an der Zeit, etwas aus der ‚gotischen’ Vergangenheit von Kamelot wieder zu beleben, was wir so auf den vorhergehenden Alben nicht brachten. Diese waren - dank unserer vielen Fans schon sehr erfolgreich, aber wir sind keine Band, die auf Nummer sicher gehen will. Daher tut die Folk-Nuance der Gesamtkomposition von ‚Dark Asylum“ doch ganz gut. Solche Klänge wissen die Seele zu streichelnd, und nach dem Hören des Albums geht es hoffentlich vielen Leuten besser als zuvor - die spirituelle Komponente erwähne ich in dem Zusammenhang ganz bewusst.“
© Markus Eck, 10.08.2026
Photo Credit: Timo Maczollek & Natalie Enemede
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