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Interview: MOONSPELL
Titel: Kern statt Frucht

Das große Gothic-Metal-Kaleidoskop - während andere taktierend immer noch theatralischer, opulenter und spektakulärer werden, haben sich die portugiesischen Genrepioniere wesentlich bis reduktionistisch besonnen, was das neue Album „Far From God“ zu einem durch und durch authentischen und individuellen Hörerlebnis werden ließ.

Als Frontmann Fernando Ribeiro eingangs damit und auch mit einem gezielten Sisters Of Mercy/Type O Negative-Querverweis konfrontiert wird, wirkt dies überaus wohltuend auf ihn.

„Danke, das bedeutet uns sehr viel! Es war eine bewusste Entscheidung, ein Album mit weniger Überlagerungen zu machen, das die ‚Magie‘ der Musik für sich selbst sprechen lässt, ohne viele Produktionstricks oder eine Soundwand. Zurück zu den Wurzeln, wenn man so will. In den 90ern haben Type O und Sisters unseren Kompass wirklich von Black Heavy Metal hin zu einer gewissen Gothic-Stimmung verändert. Und ich stimme zu, dass dieser Sound etwas Zeitloses an sich hat – eine dunkle Handschrift, die wir mit ‚Far From God‘ zu schaffen versuchen, einem Album, das zu 100 Prozent ein Moonspell-Album ist: düster, gewagt, ohne Scheu davor, wunderschöne Songs zu liefern und Erinnerungen zu schaffen.“

Für ihn persönlich hat Gothic Metal längst seine Dunkelheit und seinen Schmerz verloren, sagt der Düstermann mit den charismatischen Glutaugen.

„Mehr noch sogar, für meinen Geschmack ist das Ganze etwas zu sehr in Richtung ‚Eurovision‘ abgedriftet. Das ist alles gut und schön, aber nichts für Moonspell. Unsere neue Veröffentlichung ist ein schlichtes, schnörkelloses Gothic-Metal-Album mit einem dunklen Groove, tiefgründigen Texten und Gesang, leicht zu hören und wunderbar, um es in der Seele zu bewahren.“ 


Mit dem Vorgängeralbum hingegen ist es so eine Sache für den eigenwilligen Künstler, wie er durchblicken lässt.

„‚Hermitage‘ war ein schwieriges Album. Ich meine, wir stehen dazu und sind sicher, dass es auf lange Sicht seinen Stellenwert in unserer Diskografie steigern wird, so wie es bisher jedes Album getan hat. Aber die musikalische Entscheidung dort war, Prog in unseren Sound einzubringen, und das hatte die Vor- und Nachteile jedes musikalischen Abenteuers. Ich finde, ‚Far From God‘ repräsentiert uns besser. Das tun zwar alle Alben, aber dieses liegt uns besonders am Herzen.“

Stellt er das neue Werk in den Rahmen der gesamten musikalischen Laufbahn seiner Formation, die immerhin bereits seit 1992 andauert, so erachtet er Moonspell als „Zeitgeist“-Band.

„Alle Musik, die wir geschrieben haben, ist unsere Antwort auf das, was in uns und um uns herum geschieht. Manchmal geht es um das Aussterben von Dingen und Menschen, die wir geliebt haben, wie auf ‚Extinct‘ in 2015, manchmal um die Stimmung vor der Apokalypse, wie auf ‚The Butterfly Effect‘ von 1999. Dieses Mal geht es um Liebe, Romantik, Schmerz, Konflikt – das ist es, worüber wir gerade schreiben, daraus machen wir kein großes Geheimnis.“

Was all die kommenden Reaktionen auf die neuen, diesmal doch ziemlich „andersartig“ aufkreuzenden Songs angeht - diese kümmern den tiefstimmigen Vokalisten nicht mehr besonders.

Er stellt klar: „Ich persönlich habe es satt, dass die Leute über Moonspells Musik diskutieren und sich als Gatekeeper aufspielen. Jeder Musiker möchte sein Publikum begeistern. Ich mache Musik nicht nur ‚für mich selbst‘, sondern für Gleichgesinnte, damit sie Spaß haben, tanzen, frei sein, neue Erinnerungen oder Beziehungen schaffen können. So weit, so gut – es wird ohnehin wieder viele Leute geben, die jammernd ‚Wolfheart‘ nachtrauern, aber das ist ihre Entscheidung, nicht meine. Ich habe mich weiterentwickelt, indem ich unser Erbe annehme, aber nicht in seinem Schatten lebe.“

Fünf Jahre zwischen zwei Studioalben sind heutzutage generell eine lange Zeit. Wir erfahren diesbezüglich vom Meister:

„Nach ‚Hermitage‘ hatten wir meiner Meinung nach eine große existenzielle Krise, vor allem in kreativer Hinsicht. Wir konnten ja nicht einfach aufhören, also gingen wir oft auf Tour, nahmen ein Live-Album mit Orchesterbegleitung auf, um in der Szene präsent zu bleiben, um im Leben unserer Fans gegenwärtig zu sein und natürlich um zu überleben. Aber ich hatte damals das Gefühl – und heute bin ich mir sicher –, dass all das Schritte waren, um das neue Album zu erreichen. Wir haben sozusagen darauf gewartet, dass die Muse kommt. Und das hat sie auch. Ich schaue nie auf andere Bands, sollen sie gerne machen was sie wollen - aber ich habe das Gefühl, dass Moonspell im Gothic Metal noch immer etwas zu sagen hat und noch immer viel Musik in uns steckt.“

Der zuvor geschilderte Zweifel war den Beteiligten damals glasklar, so bekennt Fernando, auch wenn er beunruhigend war, und er bezog sich auf die relevante Frage, ob Moonspell zu einer Art „Legacy“-Band werden würden, die Gedenkkonzerte spielt, wie die 30-Jahre-Jubiläumsshows von „Wolfheart“ oder „Irreligious“.

„Es ging da aber auch viel darum, ob es noch Raum für neue Moonspell-Musik gab, in uns selbst und draußen in der Szene – es gibt ja so viele Bands, die großartige und zeitgemäße Sachen machen, sodass auch wir unsere Nische finden mussten. Letztendlich ist es die Wiederentdeckung der Musik auf ‚Far From God‘ selbst, die all unsere Gebete und Fragen beantwortet hat.“

„Far From God“, also fern von Gott - ein markanter und symbolträchtiger Albumtitel, welcher einmal mehr auch aktuell bemerkenswert treffend erscheint.

„Er ist von Nietzsches Philosophie inspiriert ist. Nietzsche war Philologe, vereinfacht gesagt suchte er stets nach den ursprünglichen Wörtern und Bedeutungen in den Archetypen der griechischen Philosophie und des griechischen Denkens. Dann beleuchtete er diese Bedeutungen im Licht der heutigen Zeit und erkannte die offensichtliche Verfälschung von Bedeutung und Botschaft."

„Kein Begriff und keine Idee wurde von der Menschheit mehr missbraucht als der von Gott“, wie der Sänger anfügt. „Man betrachte nur die drei großen monotheistischen Religionen: Sie sind heute gewalttätiger denn je – sei es durch den islamistischen Terror, die jüdische Besetzung Palästinas oder den Evangelikalismus von Trump oder Bolsonaro. Sie alle sind weit von Gott entfernt. Man kann auch sagen, dass wir weit von der wichtigen und wahren Bedeutung der Dinge entfernt sind – sei es Gott, Familie, Liebe, Empathie, Politik oder was auch immer; wir sind von der guten Natur abgewichen, die wir haben sollten. Und es ist an der Zeit, wieder zu ihr zurückzufinden.“

© Markus Eck, 19.06.2026

Photo Credit: Chantik Photography by Sonja Schuringa

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